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Okt 2018 06

Wie soll man zusammen Stadt machen? – Ein Festival und eine Plattform für “Stadtentwicklung von Unten”.

Ein „Festival“? Klar. Aber eines, das etwas verändern will? – Im Jahr 2018 in Nürnberg. Zukunftsvisionäre, Nürnberg- Liebhaber und die „Nachbarn von nebenan“ konnten sich vom 14. Mai bis 3. Juni 2018 treffen, vernetzen und informieren. – Eine Reportage von Karina Soethe, Alexandra Pöckl und Jasmin Fleischmann.

Was bedeutet überhaupt “Stadtentwicklung von Unten”? Die Idee einer Kultur von unten, einer Soziokultur, gibt es seit den 70er Jahren. Kultur von allen, für alle. Und so heißt es auch bei der Stadtgestaltung: von allen, für alle. Ganz nach dem Motto: Wir „machen“ die Stadt – und zwar selbstständig, ohne die Zwänge der Verwaltung. Auch in Nürnberg gibt es eine Reihe solcher Projekte. Bei „Stadt für alle“ haben wir die Chance, Themen und Menschen kennenzulernen, die eigene Nachbarschaft neu wahrzunehmen und uns zu vernetzen.

Ich design’ mir meine Stadt, wie’s mir gefällt

Im Glasbau des Künstlerhauses gibt es viele neugierige Besucher. Alle Plätze sind gefüllt, trotz der stehenden Hitze im KunstKulturQuartier (KuKuQ). – Christine Albert, Professorin für Raum- und Eventdesign, und der Gründer und Organisatior des Festivals, Sebastian Schnellbögl begrüßen uns.

Welche Rolle übernimmt der Designer in der Gesellschaft? Mit dieser Frage haben sich die Initiatoren des Festivals, Sebastian Schnellbögl, Julia Hendrysiak und Cosima Schugmann, beschäftigt. Allesamt sind ehemalige Designstudierende der TH Nürnberg und setzen sich nun mit dieser Problematik auseinander. Ihre Antwort: das Festival “Stadt für alle”. Denn auch eine Stadt kann designt werden.

Zur Eröffnung spricht Christine Albert von vielen Aspekten des Designs in der Stadt: die Stärke des Gestalters liege im „Sichtbarmachen“. So werden im Rahmen des Festivals viele bestehende Initiativen erstmals erfahrbar gemacht. – „Eine schlagfertige Bürgerschaft, kann Ziele gemeinsam langfristig umsetzen“, so Sebastian Schnellbögl. Und wenn zusammengearbeitet wird, kann in der eigenen Umgebung viel erreicht werden.

Die Zukunft der Stadt und des gemeinsamen Lebens

Eine Frau im Publikum fasst das in eine einzige Frage zusammen: „Wie wollen wir in den nächsten Jahrzehnten leben?“ Nun haben – in drei Festival-Wochen – 45 verschiedene Veranstaltungen Antworten darauf gegeben.

Ein generationenübergreifendes Wohnprojekt ist eine davon. Im hauseigenen Café in der Marthastraße wird eine Wohnform vorgestellt, die komplette Selbstverwaltung der Bewohner ermöglicht und voraussetzt. Ziel ist die gegenseitige Unterstützung im Alltag und ein Zusammenleben mit regelmäßigen Treffen und gemeinsamen Aktivitäten.

Um Jochen Kapelle, den Leiter des Projekts, haben sich hauptsächlich Bewohner gesammelt. Es gibt veganen Kuchen von der „Arbeitsgruppe Café“, so eine der elf verschiedenen Gruppen der Gemeinschaft. Kapelle spricht vom bisherigen Erfolg und von seinen Plänen für die Zukunft, nämlich einem weiterem Gebäude, das 2019 bezogen werden soll. Zum Konzept gehört, dass drei Generationen zu je einem Drittel im Haus vertreten sind. Das Wohnprojekt gibt uns einen guten Eindruck, wie das Miteinander in der Stadt in Zukunft aussehen könnte. Und die Arbeitsgruppe „Garten“, die die teilweise Selbstversorgung der Gemeinschaft übernimmt, gibt uns einen Vorgeschmack darauf, was uns in einem Vortrag über Urbane Landwirtschaft erwartet.

In der Kulturwerkstatt auf AEG füllen sich bereits die Sitzplätze und werden dem Ansturm der Interessierten nicht gerecht. Die Message der Referenten – es sind der Biologe Ulrich Hirschmüller und der Architekt Jürgen Lehmeier – ist eindeutig: Das Zusammenleben in der Stadt müsse sich genauso verändern wie unsere Lebensmittelversorgung. Schätzungen zufolge werden 2050 zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben. Das bedeutet große Herausforderungen für den Verkehr, aber auch für die Produktion von Nahrungsmitteln.

Beispiele aus so unterschiedlichen Städten wie New York oder Havanna zeigen uns, wie urbane Landwirtschaft aussehen kann. Vor allem Baulücken und Dachflächen eignen sich gut für die Nutzung. Durch den Anbau in der Stadt könnten mehrere Faktoren positiv beeinflusst werden. So verkürzen sich die Versorgungsketten ganz erheblich. Allerdings ist urbane Landwirtschaft auch weniger konkurrenzfähig; die Selbstversorgung erfordert Fachwissen, Absprachen Koordination und Kooperation – und einen hohen Zeitaufwand.

Immer mehr Menschen und Platzmangel … Wo gibt es da noch Flächen für die Landwirtschaft? Um den Bedarf der Zukunft auch nur annähernd decken zu können, müssen die Nutzflächen in die Höhe wachsen – Stichwort: Vertical Farming – oder die Methoden weiter optimiert werden. Die Stadt Havanna glänzt mit einem Selbstversorgeranteil von über 50 Prozent, was etwa 10 Prozent der Stadtfläche entspricht. – Das sind positive Beispiele, aber sind die deutschen Städte für diesen Wandel bereit?

„Stadt ist kein Ponyhof!“

… so Dr. Saskia Hebert beim Symposium im Z-Bau am letzten Festivaltag. Zusammengefasst argumentiert sie so: Es gibt einen eindeutigen Trend zur Urbanisierung; darauf muss der Mensch schon heute reagieren.

Wir alle benutzen die Stadt und machen sie zu unserer eigenen: Meine Straße, mein Bäcker, meine U-Bahn … erst dann können wir diesen Raum auch Heimat nennen. Doch dieser Raum ist immer auch geteilter Raum; wir müssen miteinander leben und uns die Frage stellen: Wie wollen wir gelebt haben? Und: Welche Entscheidungen müssen wir jetzt dafür treffen? – “Change by design or by disaster?“ steht auf einer Folie zu lesen. Und Dr. Hebert fragt damit: Müssen wir tatsächlich erst auf Katastrophen warten oder können wir schon vorher tätig werden?

Vielleicht kann diese Frage Wulf Kramer von “Yalla Yalla – Studio for Change” beantworten. Anhand von vergangenen und aktuellen Projekten zeigt er die Schwierigkeiten auf, die so ein urbaner Eingriff mit sich bringt. Um nachhaltige Projekte zu generieren, so meint er, sei der Weg der Stadtentwicklung von Unten der Falsche! „Middle-Out“ sei die Antwort. Wie bitte?

Nach seinem Vortrag entsteht eine rege Diskussion: So ein Statement bei einem Festival zur “Stadtentwicklung von Unten” scheint zu provozieren. Aber Kramer argumentiert weiter: Vor allem, wenn es um größere Zusammenhänge wie Nachhaltigkeit gehe, sei der Weg über die Verwaltung nicht auszuschließen. Dennoch sei es wichtig, sich auf Augenhöhe zu begegnen und das Machtgefälle zwischen Stadtregierung und Bürgern möglichst gering zu halten.

Doch ist die Stadt überhaupt offen für Initiativen von Unten? Die Behörden scheinen im urbanen Raum ja oft den „Spielverderber“ zu geben. Eine Frau neben uns meldet sich zu Wort und outet sich als Vertreterin der Stadt Nürnberg – ihre Botschaft ist klar: Mit über 10.000 Mitarbeitern in verschiedenen Abteilungen sei es oft nicht einfach zu handeln, doch um mehr zu erreichen, brauche die Stadt Initiativen von Unten wie diese! Applaus.

Stadt für alle – https://stadtfüralle.de/

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Dieser Beitrag entstand im Sommersemester 2018 im Rahmen einer Kooperation der Zentrifuge mit der Technischen Hochschule OHM Nürnberg, Fachbereich Verbale Kommunikation, Prof. Max Ackermann.

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