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Apr 2014 13

Autoren-Tandems, Bierdeckel-Geschichten und Kuchengedichte

Martin Beyer (Foto: Andrea M. Müller)

Martin Beyer (Foto: Andrea M. Müller)

Lesen, Schmökern und Erkunden von Literatur – das erlebt man in Bamberg bei einem Festival, bei „Bamberg liest“. Nun gut, Lesungen – könnte man meinen. Ja, aber auch „Rap-Workshops“ und sogar Übernachtungen in einer Buchhandlung. – Dr. Martin Beyer, studierter Germanist, arbeitet seit seinem 18. Lebensjahr als Schriftsteller und vermittelt heute in Workshops Storytelling und Kreatives Schreiben an Firmen, Städte und Studenten. Als Veranstalter von „Bamberg liest“ verrät er uns, wie das Festival entstanden ist, was sich hinter einem Tandem-Buch verbirgt und wie „Bamberg liest“ Talente fördert. – Ein Interview von Philomena Panzer und Julia Reil

Panzer/Reil: „Bamberg liest“- Wie kam es zu diesem Literaturfestival?

Beyer: Als Dozent für Kreatives Schreiben an der Universität Bamberg habe ich festgestellt: in meinen Studenten schlummern Schreibtalente. Und die wollte ich fördern. Ich bin dann mit Lukas Wehner in Kontakt gekommen, der hatte gerade den Verlag perpetuum publishing gegründet, der zeitgemäße Lehrbücher von Studenten für Studenten veröffentlicht. 2010 haben wird unser erstes Buch mit literarischen Texten publiziert. Und um das zu präsentieren, haben wir im gleichen Jahr „Bamberg liest“ erfunden: Verteilt über drei Abende wurden acht Kurzgeschichten vorgestellt. Mittlerweile ist dieses Engagement unglaublich gewachsen – und jetzt ist es wirklich ein kleines Festival.

Panzer/Reil: „Tandem“ – da denken die meisten an ein zweisitziges Fahrrad, nicht ans Bücherschreiben… Sie aber sprechen z.B. von „Tandem-Büchern“ … Was hat es damit auf sich?

Beyer: Vom Prinzip her ist das ähnlich: Es geht uns um die Förderung von Talenten. Wir bringen einen noch unerfahrenen Studenten aus der Region mit einem professionellen Autor zusammen. Und über ein halbes Jahr kooperieren die beiden. Und was da entsteht, das veröffentlichen wir dann in einem so genannten „Tandem-Buch“.
Die Jungtalente finde ich zum Großteil in meinen Uni-Kursen. Und ich kenne ihre Texte meist schon sehr gut, da wir ja gemeinsam daran gearbeitet haben.

Panzer/Reil: Was, wenn ich der nächste Daniel Kehlmann bin, aber nicht in Ihrem Seminar? Kann ich mich bei Ihnen bewerben?

Beyer: Mir Texte zu schicken ist auch möglich. Unsere Talentförderung ist offen zugänglich und es müssen auch keine Studierenden sein. Es kann passieren, dass ich bei einer Lesung auf jemanden aufmerksam werde. Wir hatten auch schon eine Schülerin, die dann mit dem Intendanten des Bamberger Theaters zusammen gearbeitet hat.

Panzer/Reil: Wie finden Sie den passenden Tandem-Partner für einen ihrer Jungautoren?

Beyer: Die gleiche Gattung, das gleiche Genre, etwa Lyrik oder Fantasy, das ist ein wichtiger Ansatzpunkt. Auch die Chemie zwischen den beiden Autoren sollte stimmen. Das kann aber auch schiefgehen. Wir zwingen niemanden. Und es ist nicht gesagt, dass es am Ende klappt. Doch wir versuchen es. Kommunikation ist wichtig. Aber wie die beiden Autoren miteinander kommunizieren, ob telefonieren, mailen oder skypen, lassen wir offen. Unsere einzige Vorgabe: Das Thema des Buches.

Panzer/Reil: „Bamberg liest“ möchte „regional fördern und überregional wirken“. Was bedeutet das?

Beyer: Neben der Förderung von Verlagen aus der Region, wie ars vivendi aus Cadolzburg, möchten wir auch Formate einsetzen, die überregional wahrgenommen werden. Wir nennen das den „Kulturbeschleuniger aus der Region für ganz Deutschland“.

Panzer/Reil: Aber ist eine Lesung im Zeitalter des Internets nicht ein überholtes Format?

Beyer: Unser Herzstück, die Lesungen der Tandem-Bücher, überwältigen uns jedes Jahr. Schon von Beginn an hatten wir viele neugierige Zuhörer. Und das, obwohl es ein klassisches Lesungsformat ist. Ganz viel Entertainment zu machen, das ist gar nicht immer nötig: Das Wort für sich – ganz trocken und pur – funktioniert sehr gut.

Panzer/Reil: Poetry-Slams in Nürnberg und Fürth, das Poetenfest in Erlangen – was unterscheidet „Bamberg liest“ vom Rest der Welt?

Beyer: Der Kern ist das Tandem-Schreiben. Unsere Talente betreuen und fördern, zusammen ein Buch schreiben und publizieren. Und wir bieten dafür eine Bühne, die Lesung. Das ist eine Idee, die ich so noch nirgends sonst in Bayern entdeckt habe. Das wiederum gibt unseren jungen Autoren die Chance, neue Türen einzutreten. Viele Stipendien und Wettbewerbe setzen nämlich eine Veröffentlichung voraus; und wir geben ihnen dieses Starterpaket mit.
Was uns noch ausmacht? Unsere Kuchengedichte und Bierdeckelgeschichten!

Panzer/Reil: „Kuchengedichte“?

Beyer: Zusammen mit Dr. Oetker haben wir einen Storytelling-Wettbewerb auf Facebook ausgerufen. Die Vorgabe: „Puddi, Ötti und Fin“ wird das neuste Dr. Oetker Kuchenrezept gestohlen. Nun können Teilnehmer Gedichte einschicken, in denen sie weitererzählen, wie die drei Freunde den Räubern auf die Schliche kommen.

Panzer/Reil: Und was hat es mit den „Bierdeckelgeschichten“ auf sich?

Beyer: Da sind Romane im Twitter-Format. Also: Erzählen mit 140 Zeichen! Die besten Geschichten werden tatsächlich auf 100.000 Bierdeckel gedruckt. Das sind dann auch gleichzeitig die Eintrittskarten zu unseren Veranstaltungen. Mittlerweile bieten wir sogar Partysets mit Untersetzern zu bestimmten Themen an. Das ist ein starkes Medium, um Leute zu erreichen.
Und: Wir versuchen unsere Projekte miteinander zu verknüpfen. So bekommt der Gewinner der Bierdeckelgeschichte als Preis, dass er auch an „Buchträume“ teilnehmen darf.

Panzer/Reil: „Buchträume“? Das hört sich nach einem wilden Kinderabenteuer an!

Beyer: In der Tat, für viele ist das ein Kindheitstraum: Eine ganze Nacht in einer Buchhandlung verbringen, keine Einschränkungen, jedes Buch in die Hand nehmen dürfen! Leseratten können, alleine oder mit der Familie, samstagnachts, in einem Buchladen, im Bamberger „Collibri“ übernachten. Und am Sonntag gibt’s Frühstück.

Panzer/Reil: Ich selbst bin kein Bücherwurm … finde ich dennoch Zugang zu ihren Veranstaltungen?

Beyer: Ja total. Wir bemühen uns sehr, dass es gerade bei unseren Lesungen keine großen Hemmschwellen gibt. Sie sollen nicht elitär oder hermetisch sein. Mit unseren Formaten, aber auch mit den unterschiedlichen Orten für Lesungen arbeiten wir dagegen. Das sind Clubs, ein altes Schwimmbad, Plätze, die neugierig machen. Vor drei Jahren visualisierte ein Künstler unsere Literatur mit Lichtdesign. Das hat viele Besucher sehr beeindruckt. Man kann also den Zugang zur Literatur auch über andere Medien finden, ob nun über eine Stimme, Musik oder eben Licht.

Panzer/Reil: Gibt es jedes Jahr ein Thema, unter dem das Literaturfestival steht?

Beyer: Ja, den Leitspruch entwickeln wir in unserem Team. Dieses Jahr beschäftigen wir uns mit Italien: Es gibt so viele Eindrücke und Vorurteile, mittlerweile aber auch ein sehr kritisches Bild von diesem Urlaubsland. Wir schauen „hinter die Kulissen“ der Klischees. Also: Echte Begegnungen zwischen Deutschland und Italien. Zum Beispiel arbeitet die italienische Lyrikerin Alessandra Brisotto mit einer Studentin aus Bamberg zusammen. Sie verfassen Gedichte, die in die jeweils andere Sprache übersetzt werden. Und unser Tandem-Buch wird diesmal zweisprachig.

Panzer/Reil: Also liest Bamberg auch in den kommenden Jahren?

Beyer: Wir möchten uns nicht nur in Bamberg, sondern auch in der umliegenden Region weiter etablieren, und wollen mehr Förderer finden, die genauso begeistert sind wie wir. Unser Ziel für dieses Jahr: Schaffen wir es, echte Begegnungen zwischen Italien und Deutschland herzustellen? Finden wir einen anderen Ansatz beim Umgang miteinander?

Panzer/Reil: Was war Ihr persönliches Highlight beim letzten „Bamberg liest“?

Beyer: Nun, (lacht) das ist vielleicht etwas egoistisch: Das war die Präsentation meines aktuellen Buches „Mörderballaden“. Während der Lesung hat die englische Band „iLiKETRAiNS“ zwei meiner Geschichten mit ihren Liedern verknüpft. Das war ein kleiner Traum für mich und hatte wirklich Soundtrack-Charakteristik. Es gibt überhaupt so viele tolle Begegnungen mit Künstlern. Es ist so spannend sie kennenzulernen. Die letzten Jahre sind viele von ihnen von weither angereist. Für uns Bamberger war es schön, solche Leute zu sehen und zu erleben, – worauf wir uns auch dieses Jahr wieder freuen können.

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Beyer, Martin: Mörderballaden. Erzählungen. 13 vielfältige Krimigeschichten, 13 große Erzählungen, 13 reinigende Balladen. Bamberg 2013.

Dieses Interview entstand im WS 2013/14 im Rahmen einer Kooperation der Zentrifuge (Magazin PILOT und Kreativblog ON-Index) mit der TH Nürnberg, Fachbereich Verbale Kommunikation, Prof. Max Ackermann.

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