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Jun 2018 29

Vom Kunstraum zur Kreativplattform zum Ideen-Inkubator

Anfang 2008 bekam ich als Freiberufler – ich war damals Kulturmacher und Kommunikationsdienstleister mit Büro im Defet Haus – die Möglichkeit, in der Halle 14 Auf AEG ein Projekt zu starten. Der neue Besitzer suchte nach Leuten, die an der Transformation des postindustriellen Areals mitwirken und bot mir die 700 qm große Halle mietfrei an. Im Gegenzug sollte ich dafür sorgen, dass dort regelmäßig und kontinuierlich kreative und künstlerische Aktivitäten stattfinden, die das Gelände beleben. Sofort war klar, dass das allein nicht zu schaffen war und ich startete einen Aufruf in meinem Netzwerk – schnell fanden sich einige Mitstreiter/innen und wir beschlossen einen Verein zu gründen. Der Name Zentrifuge war dabei Programm, wurden doch in der Halle noch kurz zuvor Waschmaschinentrommeln verbaut. Zudem ist eine Zentrifuge ein schönes Bild für Kraftentfaltung, Bewegung und Verdichtung, ja auch Verwandlung.

Susanne Neumann und Michael Schels / Ausstellung "Weißes Gold"

Susanne Neumann und Michael Schels / Ausstellung "Weißes Gold"

Insgesamt konnten wir sechs Jahre Auf AEG wirken – über 30 Einzel- und Gruppenausstellungen mit mehreren hundert regionalen und auch internationalen Künstlern konnten wir in der Halle realisieren, darunter auch einige von sehr hoher Qualität (u.a. Weißes Gold von Susanne Neumann und Astronauten zur Venus von Wilfried Appelt). Auch kooperierten wir mit vielen Initiativen und Institutionen – von Schulen und Theaterinitiativen bis hin zur Akademie der Bildenden Künste, der TH OHM oder der FAU waren alle vom Flair und der Aufbruchstimmung angetan, die die Zentrifuge ausstrahlte. Auch einige Abteilungen der städtischen Verwaltung und einige Parteien (ohne C im Namen) ließen sich vom postindustriellen Charme der Halle faszinieren und nutzten den Ort für Inspiration und Gedankenaustausch. Natürlich durften dabei auch Firmenevents nicht fehlen -  die Zentrifuge galt einige Zeit als angesagte Hip-Location.

Forschende Kunst

Forschende Kunst

Seit 2009 setzten wir uns auch kreativwirtschaftlich für die Nürnberger Szene ein – in der Zentrifuge wurde der Creative Monday geboren, das FabLab, die Designmesse “Frisches Design”, der KunstsupermArt, der CoworkingSpace und das Jazzfestival NUEJazz machten hier ihre ersten Schritte und sogar das Bayerische Zentrum für Kreativwirtschaft nutzte in seiner Aufbauphase unser Netzwerk. Wir waren von alledem sehr angetan, wagten sogar eine Zentrifuge Akademie zu gründen und mieteten ca. 100 qm für Büro und Seminarraum im darüber liegenden Stockwerk an. Beinahe hätten wir uns dabei verhoben – denn dafür war eine Miete mit relativ hohen Nebenkosten zu zahlen, die wir gerade so mit unseren Kreativ-Seminar-Einnahmen und gelegentlichen Eventvermietungen decken konnten. Verdient war dabei noch lange nichts. Nach zwei Jahren haben wir die Reißleine gezogen, nachdem klar wurde, dass von der Stadt bzw. der Kulturpolitik trotz hoffnungsstiftenden guten Zuredens keine nachhaltige Unterstützung zu erwarten war und die Zentrifuge Akademie privatwirtschaftlich keine realistischen Perspektiven bot. Ganz herzlichen Dank an Margit Brendl, die hier hervorragende, aber letztlich leider vergebliche Aufbauarbeit geleistet hatte.

Michael Bestmann - Induktive Kopplung in der Zentrifuge

Michael Bestmann - Induktive Kopplung in der Zentrifuge

Mit dem Umbau der Halle (eine Hälfte wurde mit EU-Fördermitteln zur Werkstatt 141 umgebaut) wurde dann endgültig unser Ende Auf AEG eingeläutet – die mehr als sechsmonatige Umbauphase hat uns den letzten Schwung genommen, die Halle war danach nicht mehr so attraktiv wie zuvor. Hinzu kam, dass nun in direkter Nachbarschaft mehr und mehr städtische Mitarbeiter/innen ihre Soziokulturarbeit verrichteten, was unserer eh schon geschwächten Motivation endgültig den Garaus machte. Ende 2013 war dann offensichtlich, dass unsere Zeit Auf AEG abgelaufen war – die Stadt hatte die Weichen in Richtung KUF-Kulturwerkstatt gestellt und das Kulturreferat kürzte die eh schon spärlichen Zuschüsse. Es war höchste Zeit zu gehen – wir verließen das Gelände im Sommer 2014. Heute sind wir umso froher, dass wir damals ausgezogen sind, denn bis Herbst 2018 müssen alle Künstler und Kreativen den Bau 14 verlassen. So sparen wir uns jetzt den Aufwand.

Forschende Kunst in der Weinerei

Forschende Kunst in der Weinerei

Nach unserem Auszug Auf AEG nahm uns Ende 2014 die Weinerei unter ihre Fittiche – in der Ostermayr Passage führten wir ein knappes Jahr unsere Projekte, kleinere Veranstaltungen und Meetings fort, doch konnten wir als Untermieter den Ort nicht so frei nutzen, wie es für eine längere Nutzung nötig gewesen wäre. Auch die Projekträume im Z-Bau erwiesen sich als nur bedingt für unsere Zwecke geeignet. So gewöhnten wir uns schließlich daran, uns von festen Räumen frei zu machen und mehr und mehr an unterschiedlichen Orten zu wirken. Dabei pflegten wir unsere Projekte Forschende Kunst und die Kooperation mit ENGINEERING 2050, sendeten regelmäßig auf Radio Z und brachten weiterhin gemeinsam mit Studierenden der TH OHM unser PILOT-Magazin heraus.

CreativeMonday im Neuen Museum

CreativeMonday im Neuen Museum

Nach zehn Jahren ist die Zentrifuge wieder in eine neue Phase eingetreten – viele Wegbegleiter stehen der Zentrifuge nach wie vor nahe. Der anfängliche Enthusiasmus ist schon lange verflogen und für größere Projekte möchte sich – nach all den lust- wie leidvollen Erfahrungen – niemand von uns mehr wie aus dem Nichts heraus verausgaben. Unser Idealismus besteht nach wie vor, unser Engagement für die hiesige Kultur- und Kreativ(wirtschaft)-Szene haben wir aber deutlich heruntergefahren. In diesen Aufgabenfeldern gibt es ja viele gut bezahlte und kompetente städtische und staatliche Angestellte, denen wir ihre wertvolle Arbeit nicht mehr streitig machen möchten. Vielen Kreativen fehlt für solche Dinge ja eh schlicht die Zeit resp. das Geld. Ein wenig schade ist das schon, gerade im Hinblick auf die Kulturhauptstadtbewerbung. Aber vielleicht ist es besser so, damit das zarte Pflänzchen alternative („freie“) Kultur von offiziösen Bestrebungen und wirtschaftlichen Interessen möglichst unberührt bleibt? Zugebenermaßen ist solches Schubladen- und Lagerdenken auch nicht das Wahre …mal seh´n, vielleicht kommt ja bald wieder Bewegung ins Spiel.

HORIZONTE 2050 in Leipzig

HORIZONTE 2050 in Leipzig

Ob und wie es die Zentrifuge in Zukunft gibt, steht in den Sternen. Vielleicht nicht mehr als Verein und auch nicht mehr unter diesem Namen. Wie heißt es nochmal in einer unserer Forschende Kunst Dokumentationen? „Zentrifugen sollte es tausendfach geben und keine wäre dabei wie die andere. Das macht sie unkalkulierbar und unbeherrschbar. Zentrifugen sind Prozessoren für eine lebenswerte Zukunft – eine andere und bessere, als wir heute mit unserem deformierten Bewusstsein erahnen können.“

In diesem Sinne bedanke ich mich ganz herzlich bei all den wertvollen und liebenswerten Menschen, die der Zentrifuge mit ihren Ideen und ihrem Engagement immer wieder Schwung und Inspiration gegeben haben. Ihr habt durch die und mit der Zentrifuge ganz schön viel bewegt – und alle hatten wir dabei auch unseren Spaß und haben viel gelernt. Ich wünsche euch weiterhin viel Freude bei all eurem Denken und Tun … bleibt gesund und lebensfroh und lasst euch nicht unterkriegen! Auf viele weitere gemeinsame Jahre – mit oder ohne die Zentrifuge, denn Namen sind Schall und Rauch … es lebe die Verwandlung!

Michael Schels im Juni 2018

ENGINEERING 2050 im Zollhof

ENGINEERING 2050 im Zollhof

HORIZONTE 2050 im Z-Bau

HORIZONTE 2050 im Z-Bau

Z-Zeit auf Ardio Z

Z-Zeit auf Radio Z

Ronald Zehmeister präsentiert das Magazin PILOT beim Business Kongress in der IHK

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#10jahrezentrifuge auf Instagram

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