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Sep 2017 30

Vom Widerspruch, seine Freiheit auszuleben und die Zuhörer zu fesseln

Im September 2017 feiert Radio Z sein 30-jähriges Jubiläum. Das „Mitmachradio“ steht für Toleranz, Offenheit und Freiheit. Aber feiert es auch Hörerzahlen, Reichweite und Relevanz? – Eine Reportage von Johannes Zenk und Lasse van Schoor

Es ist ein schlechtes Zeichen: An diesem Tag rufen viele Hörer an, um den Titel eines Liedes zu erfahren, den eine Notfall-Schaltung abgespielt hat. Wird auf der Frequenz von Radio Z mehr als 15 Sekunden Stille gesendet, spielt der Computer automatisch irgendeinen Titel vom Musikserver. Das passiert zum Beispiel, wenn ein Moderator während der Sendung auf die Toilette geht und nicht genau abschätzen kann oder will, wie lange der Song dauert, den er gerade aufgelegt hat. Kommt er nicht rechtzeitig zurück übernimmt die Software. – „Das darf natürlich nicht so oft passieren. Auch bei uns gibt es ein paar Regeln“, sagt Sylvia Glawion, Geschäftsführerin bei Radio Z, „Und manchmal müssen wir unsere Leute schon ermahnen.“

Freiheit unter Beschuss

Abläufe? Regeln? – Die Geschichte des sich selbst finanzierenden, alternativen Radiosenders beginnt in einem modrigen Keller, als die Initiative noch klein und unbekannt war. Damals, noch mit einer Sendezeit von nur wenigen Stunden, genoss man vollkommene Freiheit. Vieles, so erzählt man sich, sei recht wild gewesen, überraschend, unkoordiniert, aber eben auch spontan.

So frei, dass eine Sendung für Schwule (damals der „Fliederfunk“) schon einmal detailliert über bestimmte Sexualpraktiken berichtete. Danach bekam Radio Z von Seiten der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien (BLM) eine saftige Strafe aufgebrummt und geriet – wieder einmal – in die Schusslinie von Zeitungen und Verlagen, selbsternannten Medienwächtern, Vertretern der Kirche und konservativen Politikern.

Früher gab es viele, die Z hörten und alles, jeden sprachlichen Ausrutscher, jeden anzüglichen Songtext, jeden Witz und jeden Kommentar akribisch mitschrieben, um den Sender die begehrte Frequenz streitig zu machen. Doch heute fehlt von ihnen jede Spur.

Inhaltlich hat sich die Situation entspannt – weil Radio Z sich heute eher selbst kontrolliert. Aber auch, weil die Gesellschaft offener geworden ist. Ein Umstand, zu dem Radio Z selbst etwas beitragen wollte und wohl auch beigetragen hat.

Allen eine Stimme – aber wer hört sie denn?

Den Kampf für eine offene, freiheitlichere Gesellschaft, für interkulturelle Verständigung und gegen Diskriminierung bestreitet Radio Z immer noch. Was mittlerweile mit vielen Journalisten-, Medien- und Kulturpreisen ausgezeichnet wurde, auch solchen der Stadt Nürnberg.

Das nach wie vor wichtigste Ziel des Senders: Über Dinge zu sprechen, die sonst keiner anspricht. Und jenen eine Stimme zu geben, die sonst keiner hört.

So werden zum Beispiel in der Sendung „Borderless Broadcast“ Fluchtgründe, Wünsche und Perspektiven von jungen Flüchtlingen thematisiert. Durch „Radio Handicap“ bekommen Blinde die Möglichkeit, in einem eigens für sie eingerichteten, barrierefreien Studio ihre Erfahrungen und Geschichten mitzuteilen. Nicht zuletzt wird auch einfach mal von der Musikszene der Metropolregion berichtet.

Doch was nutzt der beste Vorsatz, die mutigsten Themen, das größte Engagement, wenn die Hörerzahl relativ klein bleibt? Schon in der Radiotheorie von Bert Brecht aus den späten Zwanziger Jahren heißt es: „Ein Mann, der was zu sagen hat und keine Zuhörer findet, ist schlimm daran.“ Brecht ging es damals übrigens um die politische Wirksamkeit des Mediums Radio.

Aufmerksamkeit als Problem

Radio Z kann und will durch seine Vereinsstruktur keine großen Gelder für Eigenwerbung in Form von Plakaten oder Anzeigen aufbringen. Doch wie viele Möglichkeiten bleiben dann noch, um Aufmerksamkeit zu erregen?

Aber da gäbe es ja noch das Internet. In der heutigen Welt des digitalen Wandels eröffnen sich jene Spielräume, die Bert Brecht sich damals erträumt hat. “Also den Zuhörer nicht nur zum Hörer, sondern auch zum Sprecher zu machen und ihn nicht zu isolieren.“ Heute kann man selbst zum Sender werden. Jeder kann auf seiner eigenen Website oder einem Blog publizieren und kann sich Plattformen wie Facebook, Twitter, Instagram und Co. zu Nutze machen, um seine Gedanken oder Meinungen der Öffentlichkeit mitzuteilen.

Nutzt das auch Radio Z? – Ja, aber nur sporadisch. Denn Z wolle, so erfährt man, seine Mitglieder zu nichts zwingen. Zudem brauche Social Media auch Koordination, brauche Kontrolle und eine klare Zielrichtung, um zu wirken. Aber bei Z liefe das alles anders: „Jede Redaktion wurschtelt da so vor sich hin“, meint Bernd „Birdy“ Pflaum, Redakteur der Musikredaktion bei Radio Z. Und dann räumt er ein: „Wir haben da große Defizite!“

Die Erkenntnis, dass es hier eine Veränderung braucht, ist da. Unklar jedoch bleibt die Form der Veränderung. „Wir wollen schließlich keine Pressestelle, über die das Ganze läuft, keine Unternehmenskommunikation, die ständig aussortiert und bestimmt, was dem Image dient und was nicht. Die Leute sollen sich ausprobieren dürfen und auch mal wild sein!“

Vom Jonglieren mit Sendungen und Geld

Momentan gibt es 90 verschiedene Redaktionen bei Radio Z, auf vielen unterschiedlichen Sendeplätzen. So wird mal eine Sendung von manchen Redakteuren jeden Tag und von anderen nur einmal in drei Monaten ausgestrahlt. Bewerben kann sich jeder, der ein schlüssiges Konzept vorweisen kann. So wird jedem die Möglichkeit geboten, über ein Thema zu berichten, das ihm persönlich wichtig erscheint.

Aber nicht nur bei der Sendungskonzeption ist oft die Kunst der Improvisation gefragt. Auch die Technik, mit der der Sender in seinen mittlerweile drei Aufnahmestudios arbeitet, bleibt Marke Eigenbau. Das ist vor allem der finanziellen Situation von Radio Z geschuldet. Denn frei zu senden, bedeutet auch: auf Werbeeinnahmen zu verzichten. So lebt Z von den Vereinsbeiträgen seiner mittlerweile 1400 Mitglieder, von projektgebundenen Fördergeldern, von Preisen, Benefiz-Festen, Sach- oder Geldspenden.

Vielfalt und Verwirrung

In den zwölf Stunden täglicher Sendezeit gibt es politische Berichterstattung und Kultursendungen. Aber das Programm wird auch geprägt durch seine ungewöhnliche Musikauswahl. So setzt es sich – ohne Genre-Grenzen – mit Musik auseinander, vor allem aber mit jenen Spielarten, die nicht im Mainstream vertreten sind. Die einzige Bedingung hierbei: dass sie mit den Statuten des Radios übereinstimmen. Das soll heißen, sie sind nicht rassistisch, nicht homophob und nicht sexistisch. So wird von Jazz und Folk über Hardcore und Death Metal bis Hip Hop jede Art von Musik ausgestrahlt, „… ob sie aus den Regenwäldern stammt, der Antarktis, aus den Wüsten oder den brodelnden kulturellen Sammelbecken der Gigastädte aller Kontinente.”

Radio Z ist so vielfältig und frei, dass es zufälligen Hörern schwer fällt, das Prinzip dahinter zu verstehen. Stößt jemand, der noch nie Radio Z gehört hat, einfach so auf die Frequenz, wird er wahrscheinlich weiter suchen. Radio Z muss also allen Menschen in seinem Sendegebiet, der Metropolregion Nürnberg, klar machen, was es denn eigentlich ist: Kein professionelles Radio mit den üblichen Formaten, mit weichgespülten Liedern, Dampfplauderei und altbekannten, flachen Witzen, sondern etwas anderes.

Amateure am Mikro – oder: ein demokratisches Radio

Radio Z ist offen für alles. Und es ermöglicht, ungefilterte Informationen und Meinungen zu verbreiten. Der Spruch „Das kann man so nicht sagen“ kommt hier nicht vor. Und das ist auch gut so.

Eine weitere Forderung aus Brechts Radiotheorie erfüllt Radio Z übrigens mit Bravour: „… nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen.” Denn so lässt sich Rundfunk demokratisieren.

Erst wer Radio Z auf diese Weise versteht, kann seine Eigenschaften würdigen und seine Fehler tolerieren. Also: Anstatt das nächste Mal einfach wegzuschalten – oder weiterzusuchen, nur weil etwas für einen kurzen Moment nach Amateuren klingt -, sollte man einfach mal lauschen. Und dabei auf das Wesentliche achten: Auf Stimmen, die man sonst nicht hört. Und: … die einen mitreden auffordern.

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Dieser Beitrag entstand im SS 2017 im Rahmen einer Kooperation der Zentrifuge (Magazin PILOT und Kreativblog ON-Index) mit der TH Nürnberg, Fachbereich Verbale Kommunikation, Prof. Max Ackermann.

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