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Jun 2012 08

Eine Reportage von Jasmin Werner und Anna Vilkova.

Direkt neben der Eingangstür des Coworking Space steht der ungewöhnlichste Kleiderständer, den wir je gesehen haben; er besteht aus Kamera-Stativen. Ein Fotograf hat sie hier gelagert.

Der Coworking Space ist ein einziger großer Raum – man könnte ihn mit einem Loft vergleichen. Nur mit Möbeln haben ihn die Leute vom “Space” in verschiedene Bereiche unterteilt. Da gibt es zum Beispiel das Café mit Couchtischen, Sofas und Sesseln oder einen Arbeitsplatz mit Schreibtischen.

Wir treffen Andreas Fehr. Er ist morgens als erster hier und bereitet alles vor, für die Leute, die schon bald zum Arbeiten herkommen. Im Coworking Space kann man Schreibtische mieten. Für Selbstständige ist das ein attraktives Angebot. Denn nach einiger Zeit im Heimbüro stellen viele fest: Einsamkeit hemmt die Kreativität. Im Coworking Space finden sie Gleichgesinnte, sind wieder unter Leuten und können sich austauschen. Menschen aus verschiedenen Berufsgruppen kommen hierher. »Jeder, der mit einem Laptop arbeiten kann, kann sich hier niederlassen«, sagt Andreas.

Etwas weiter von uns entfernt stehen mehrere Schreibtische – in Zweierreihe, Kante an Kante. Eine kleine Gruppe hat dort Platz genommen, drei Personen. Alle haben ihren Computer mitgebracht und jeder arbeitet für sich; bis einer einem anderen eine Frage stellt. Für einen Moment kommen sie miteinander ins Gespräch, danach widmet sich jeder wieder seinem Bildschirm.

»Das ist der große Vorteil von Coworking. Dass man auf der einen Seite eine ganz normale Büro-Infrastruktur vorfindet – und auf der anderen auch Leute, sogar Leute aus unterschiedlichen Fachrichtungen.« Dadurch habe man die Möglichkeit, sich bei Problemen auszutauschen. Andreas gibt uns ein Beispiel: Ein Grafikdesigner stellt fest, dass er Schwierigkeiten beim Programmieren hat. Nun könne er sich im Raum umsehen, ob jemand da ist, der ihm helfen kann. Man würde sich dann vielleicht in den Café-Bereich setzen, um sich dort zu besprechen.

In den USA ist das so genannte »Coworking« schon länger bekannt. 2009 hat die Idee auch Deutschland erreicht; angefangen mit Berlin. Und im Juni 2011 hat der Coworking Space in Nürnberg eröffnet.

Andreas erzählt uns, dass die Idee bei einem »Startup Weekend« entstanden sei; ein Event mit dem Ziel, in 48 Stunden ein Unternehmen zu gründen. »Damals haben sich so zwischen zwanzig und dreißig Leute unterhalten, die sehr viele Veranstaltungen hier in Nürnberg machen; wie Markus Teschner oder die Leute vom Creative Monday. Aus diesen Leuten haben sich dann fünf ein Herz gefasst und gesagt: ›Wir machen das jetzt!‹«

Wir fragen, wie Andreas selbst dazu gekommen ist. »Ich selber bin neu in Nürnberg und unter anderem wegen dem Coworking hergezogen. Weil die damals noch jemanden gesucht haben, der den Betrieb mit leitet, der Ahnung von Gastronomie hat; jemanden, der Atmosphäre schafft und mit den Leuten redet. Da hab ich zugesagt.«

Bevor er nach Nürnberg kam, hat Andreas Angewandte Freizeitwissenschaft studiert. Inzwischen ist er selbstständig. Wir wollen wissen, ob auch er coworkt. »Ja«, sagt er. »Wenn wir einfach nur einen Coworking Space betreiben würden und uns hier nicht auch aufhalten würden, wär’ das schon ein bisschen komisch. Das macht’s ja eigentlich aus, das Persönliche.«

Was den Coworking Space Nürnberg besonders macht, so Andreas, sei der Raum. »Er wirkt sehr inspirierend auf die Leute. Jeder, der hierher kommt, fühlt sich sofort wohl – auch, wenn alles sehr bunt und zusammengewürfelt ist.«

Buntes findet sich auch in einem Regal: »Uluru«, »Pentago“ – Das sind Gesellschaftsspiele aus einem Comicbuchladen, der im Coworking Space Spieleabende veranstaltet. Und direkt neben uns steht die »Greif-BAR«. Sie besteht aus unterschiedlich großen Kästen, die in künstlerischer Freiheit übereinander gestapelt worden sind: schräg und leicht versetzt; groß auf klein und klein auf groß – und alles ganz in Weiß. Darin befinden sich Kunstobjekte, Geldbörsen, Bücher; selbstgemacht von Kreativen. In der »Greif-BAR« werden sie ausgestellt und zum Verkauf angeboten.

Andreas beschreibt den Coworking Space als »einen Ort, an dem wir Kreativen eine Heimat bieten wollen«. Also nicht nur ein Ort zum Arbeiten. Wir erfahren, dass die Vernetzung mit anderen Organisationen dabei eine wesentliche Rolle spielt. Um die Kreativen auf den Coworking Space in Nürnberg hinzuweisen, habe Andreas auch schon beim Creative Monday präsentiert. Denn das sei ein Kanal, über den sich viele Kreative erreichen lassen. »Ein sehr gutes Format, um ein Netzwerk aufzubauen«, findet Andreas.
Des Weiteren wünsche er sich, dass Kreative und Kulturschaffende stärker auf die Möglichkeiten des Coworking Space aufmerksam werden. Dafür soll auch das Publikum in der Zentrifuge angesprochen werden.

»Ich schätze wir brauchen schon noch so ein halbes Jahr bis wirklich ganz Kreativ-Nürnberg weiß, dass es uns gibt und dass Coworking die lustigste Form des Arbeitens ist.«

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Anmerkung: Dieses Interview entstand im Rahmen einer Kooperation zwischen der Georg Simon Ohm Hochschule und der Zentrifuge im Wintersemester 2011/12. Studenten des Fachs “Verbale Kommunikation” portraitierten und interviewten Menschen, die bei diversen Creative Mondays in der Zentrifuge als Presenter zu Gast waren. Dieses Projekt wurde von Prof. Max Ackermann angeregt und begleitet, der damit dem Creative Monday, der Zentrifuge und den mit ihr verbundenen Kreativen ein Gesicht geben wollte. Wir danken Herrn Professor Ackermann und seinen Studenten herzlich für die Unterstützung!

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