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Okt 2018 06

Texte, Motivation – und wo sie zu finden sind

Frische Sprache auf der Bühne? Der Wunsch, mit der Literaturszene einer Metropolregion mal einen Cappuccino trinken zu gehen? Und Verlagsbüros im ICE? – Eine Reportage von Lidija Dotter, Tina Gebhardt und Sabine Hänel.

Gerade haben wir auf einem tintenschwarzen Plastikstuhl Platz genommen und unseren Weißwein neben uns auf dem Boden abgestellt, als Lara Sielmann das kleine Podest erklimmt. Ein erstes Kapitel wird aufgeschlagen.

Neue Lesungen braucht das Land

Einmal im Monat lauschen Literaturdurstige einer Lesung im Z-Bau in Nürnberg. Hierzu lädt Lara Sielmann immer neue Autoren ein. Denn sie organisiert die Lesereihe „Junge Gegenwartsliteratur“. Damit möchte sie Leben in die Szene bringen: „Bei dieser Reihe“, meint Sielmann, “geht es ganz stark um Aufbau-Arbeit. Also darum, wo in der Stadt Literatur veranstaltet wird.“ Dann erzählt sie uns, dass der Z-Bau zwar eine schöne Location sei, aber ein zentralerer Veranstaltungsort sicher besser wäre. Schon deshalb, weil er ein größeres Publikum ansprechen würde.

Wäre es nicht cool, wenn man sich mit der Literatur einfach im Café verabreden könnte? Gemütlich, bei einem Cappuccino. Auch Lara Sielmann würde so eine Verabredung freuen: „Du hörst dir natürlich viel lieber eine Lesung im Café an, als in einem stocksteifen Literaturhaus. Was nicht bedeutet, dass ein Literaturhaus was Schlechtes ist, aber ich glaube, man kann viel mehr Leute erreichen, wenn man mit Literatur dahin geht, wo das Leben passiert.“

Für 2019 plant sie in Zusammenarbeit mit dem “Verein für Unabhängige Lesungen” ein Literaturfestival. Das Ziel: Literatur zugänglicher machen. So könnten schon im nächsten Sommer Cafés und Bars zu Bühnen für große und kleine Worte werden. – Leider ist es nicht einfach, Sponsoren für das Projekt zu finden. Dabei könnten solche Angebote Nürnberg auch langfristig entwickeln und nicht nur für Literaturfans anziehender machen.

Ist Literatur gut für eine Region? Sollte Nürnberg zu einem Mekka für Literatur werden? Frankfurt und Leipzig beispielsweise sind auch außerhalb der Buchmessezeiten wahre Pilgerorte – mit Poetik Vorlesungen, Podiumsdiskussionen, Verlagspräsentationen und vielem mehr. Köln glänzt mit der lit.Cologne und das kleine Klagenfurt in Österreich mit dem bedeutenden Ingeborg-Bachmann-Preis. „Ich glaube nicht, dass jede Stadt kulturell gleich aufgestellt sein muss, das funktioniert auch gar nicht. Aber: Es sollte doch ein Mindestangebot geben, gerade wenn man sich um den Titel Europäische Kulturhauptstadt bewirbt“, so Sielmann.

Betrachtet man die Kulturszene Nürnbergs, fällt schnell auf, dass andere Bereiche hier ganz gut vertreten sind – denkt man beispielsweise an Veranstaltungen wie das Klassik Open Air, das SommerNachtFilmFestival oder das Brückenfestival. In Sachen Literatur ist da deutlich weniger geboten.

Das Stiefkind der Kulturfamilie?

Auch Philip Krömer vom Homunculus Verlag sieht da noch Nachholbedarf: „Wir haben ein fantastisches Opernhaus, ein tolles Theater und viele Konzerte. Für vieles wird Sorge getragen, aber die Literatur wird immer etwas stiefmütterlich behandelt: ‘Die kommt schon von alleine auf die Beine, die etabliert sich schon von selbst‘ … und erst danach wird ihr unter die Arme gegriffen.“

Homunculus ist einer der wenigen Verlage der Region, die auch überregional bekannt sind. Noch in ihrer Studentenzeit wurde er von Philip Krömer und seinen Kollegen gegründet. Auch mit Krömer haben wir uns über die regionale Literaturszene unterhalten.

„Es gibt wenig literarische Verlage. Es gibt auch wenige Autoren“, so Krömer. „Zumindest gibt es wenige Autoren von überregionalem Rang. Natürlich findet man Veranstaltungen, wie das poetenfest in Erlangen, das auch überregionale Autoren einlädt. Aber darüber hinaus gibt es in Mittelfranken keine bekannte Szene, die einladen könnte. Dabei wäre es schön, wenn man hier etwas Etabliertes hätte, sodass man sagen könnte: Es findet ein Austausch auf gleicher Ebene statt.“

Irgendwie, so hat man den Eindruck, muss Literatur sichtbarer werden. Die Literaturszene ist klein und Veranstaltungen finden nur vereinzelt statt. Angebote gibt es, doch man muss danach suchen. Selbst die neue Lesereihe im Z-Bau ist für Literaturliebende ein bisschen wenig.

Zwischen den Stühlen

Brauchen wir also mehr Lesungen? Aber der klassische Stil ist nicht die einzige Möglichkeit, Poesie für sich zu entdecken. – In einer kleinen Kellerkneipe in Erlangen sitzen wir vor unserem Rotbier, noch ein Pfeifen in den Ohren vom  Applaus. Zwischen Rosmarinfritten und bunt zusammengewürfelten Sesseln schlendern in einem eigenwilligen Rhythmus Sätze durch den Raum: Poetry Slam.

Immerhin ist die deutsche Szene – nach der englischsprachigen – die größte der Welt. Aber bietet die Region auch eine attraktive Bühne für junge Slammer? Felix Kaden muss es wissen, ist er doch teilhabender Geschäftsführer bei Tinx, einem jungen Verlag, der ausschließlich Bücher von Bühnenpoeten verlegt. Außerdem ist er selbst aktiver Slam Poet und Autor.

Durch Tinx kommt er viel herum im deutschsprachigen Raum: Nach eigenen Angaben findet sich sein Büro … im ICE. In unserem Gespräch schildert er den Eindruck, den er von der Metropolregion Nürnberg hat. “Ich kann ja nur für die Off-Literatur sprechen, weil ich mich da auskenne. Aber: Es boomt“, meint Kaden. „Du kannst jeden Abend auf einen Poetry Slam in Reichweite gehen und danach mit dem Öffentlichen Nahverkehr wieder heimkommen. Besser kann man es eigentlich nicht haben, gerade im Vergleich mit anderen Regionen.“

Dieser Zweig der Literatur scheint in Nürnberg und Umgebung also recht gut zu gedeihen. Bei der Suche stößt man viel häufiger auf entsprechende Veranstaltungen. Die Bühnenpoesie scheint zugänglicher zu sein. Vielleicht auch einfacher zu vermitteln. Aber gibt es überhaupt noch eine Trennung zwischen Hochliteratur und Poetry Slam?

„Naja, was heißt Trennung?”, fragt Kaden zurück. “Es gibt einige Autoren, die beide Bereiche bedienen: Nora Gomringer zum Beispiel. Sie hat den Bachmann-Preis gewonnen, aber bezeichnet sich nach wie vor als Bühnenpoetin. Ansonsten kommt man in der Szene nicht groß in Kontakt. Da gibt es sicher Vorurteile auf beiden Seiten“ Zum Beispiel? „So nach dem Motto: ‘Das ist boring, diese typische Wasserglas-Lesung.‘ Und auf der anderen Seite steht vielleicht der Verdacht, dass wir uns nicht ernsthaft genug mit Literatur auseinandersetzen.“

Dabei haben ja alle das gleiche Ziel: Literarisches Leben in die Stadt zu bringen. Ein Anreiz wäre es, Slam und Hochkultur zu kombinieren. Denn gerade jüngere Autoren machen da weniger Unterschiede. Auch Felix Kaden hat schon darüber nachgedacht: „Es wäre für die Entwicklung der gesamten Literaturszene nicht verkehrt, wenn es Veranstaltungen gäbe, die beide Seiten zusammenbringen.“

Vielleicht wäre ein neues Literaturfestival ja eine Möglichkeit, gemeinsam für Sprache zu begeistern. Gemütlich im Café: durch Slams und Lesungen Sprache erleben. Spaß und hohe Literatur – am besten bei einem frisch gebrühten Cappuccino.

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Dieser Beitrag entstand im Sommersemester 2018 im Rahmen einer Kooperation der Zentrifuge mit der Technischen Hochschule OHM Nürnberg, Fachbereich Verbale Kommunikation, Prof. Max Ackermann.

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