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Okt 2013 04

Eine Würdigung der deutsch-polnischen Ausstellung der Kulturtransporter im Quartier Q der Quelle in Nürnberg.

Text: Edgar Kucharzewski

Mehrere Arbeiten setzen sich mit der Geschichte Deutschlands, und Europas, auseinander. Prof. Bajek, Witold Stelmachniewicz und Edgar Kucharzewski halten der wiedervereinigten Republik einen Geschichts-Spiegel vor. Prof. Dr. Ulrika Eller-Rüter besetzt mit ihren Grenzüberschreitungen, einer Auseinandersetzung mit Frauen in Palästina, einen historisch aufgeladenen Boden. Die Boot-Installation von Heike Wurthmann hat angesichts der aktuellen Entwicklung vor Lampedusa nichts an ihrer Aktualität verloren.

Im „Zyklus Kafka“ zitiert Prof. Bajek einen Bildauszug aus „Schindlers List“, er ist dort als Statist zu sehen. Seine weiteren großformatigen Fotoprints auf Leinwand über Auschwitz, oder den Kamin, sind überlagert mit Textzeilen von Kafkas Prozess, in deutsch, polnisch, tschechisch und englisch lesbar. Fast unscheinbar auch ein Bildzitat der zerbrochenen jüdischen Grabsteine der Krakauer Synagoge, auf die sich das Geschichtsprojekt von Edgar Kucharzewski ebenfalls bezieht.

Dr. Habil. W. Stelmachniewicz gestaltet seinen Raum mit Bildzitaten aus Leni Riefenstahls: „Triumpf des Willens“. Dabei bedient er sich der Methode Richters, dessen „Bader Meinhof Zyklus“ 1985, in Deutschland verboten – im MOMA aufgekauft und ausgestellt wurde. Richter misstraute nach eingehenden Bildstudien in den Archiven des Verfassungsschutzes und des Spiegels, dem Objektivitätsgehalt jener Fotos. Seit dem malt er die Schwarz-Weiß-Motive nur noch unscharf auf die Leinwand. Stelmachniewicz legt beide Zeitepochen wie Folien übereinander, und fragt somit, wie diese medialen Erinnerungen auch heute noch wirken können oder unseren Geschichtssinn schärfen vermögen.

Die Portraits von Thomas Mann und Godard (God – Art) stellt er gegenüber. Das Bild von Thomas Mann hat bereits Erinnerungslücken und ist malerisch „unkenntlich“ gemacht. Er hat über die BBC den deutschen Soldaten geraten überzulaufen und den Krieg zu beenden. Nach 1945 verweigerte er sich der deutschen Staatsreligion des Adenauer Staates, dem Antikommunismus. So ist auch Godard dem Naziprogramm gegenübergesetzt. Als „Erfinder“ der Nouvelle Vague“ setzt er sich mit der russischen Filmklassikerbewegung auseinander. Seine Gruppe nannte er „Dsiga Vertov“, welcher die KINOKI-Bewegung im revolutionären Russland gründete. Links und Rechts stehen sich so gegenüber und wir können selbst urteilen, worin wir das deutsche Spannungsverhältnis sehen, denken oder entwickeln möchten.

Die Bilder verblassen, die Erinnerungen werden schwach, eine Installation von Edgar Kucharzewski. Der  „Geschichtserfahrungsweg: Von Hier Aus“ bezeichnete ein Kunst–Projekt auf der „Großen Straße“ 1995. Es begann mit Dokumentationsreisen, Dokumentarfilmen und künstlerischen Prozessberichten Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre und setzte sich in den Jahren danach in unregelmäßigen Abständen fort.  Im Sinne der Kunstrichtung  „Spurensuche(r)“  hat sich dieser Geschichtserfahrungsweg und Geschichtsgang seit den frühen 70er Jahren angedeutet.

Mit dem längst notwendig gewordenen Perspektivwechsel des Blickes auf die Geschichte sind Foto- und Videodokumentationen (VIDEOKI) entstanden. Ein Frottage Buch der „Tausend Erinnerungen“  und ein Geschichtsmarathon schlossen sich an. Dazu wurden die individuellen Steinmetz–Spuren auf der Großen Straße  (auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg) dokumentiert. Sie sind letzter Ausdruck von Häftlingen, welche die über 100.000 quadratischen Granitplatten zu bearbeiten hatten. Jede Platte zeugt von jeweils eigenen Strukturen. Diese wurden mit quadratischen Kartons belegt, die die Namen der Deportierten aus Nürnberg trugen und mit einem Stein „beschwert“. Dies setzte am traditionellen Verständnis an, dem (möglichen) „Vergessen sein“  ein Erinnerungsmoment beizufügen.

Dem alttestamentarischen Fluch: „Sein Name sei für immer und ewig vergessen“, den die Nazis in ihr brüchiges Gebäude zu implementieren versuchten, ist zumindest eine, wenn auch unscheinbare,  Geste  entgegengesetzt worden. Dazu sind diese Platten von mir zu Grabsteinen erklärt worden. Diese wurden barfuß von mir in einem wortlosen Geschichtsgang, in einem  7,5–stündigen Marathon, begangen  und berührt. Die analogen Fotos sind aufwändig nachbearbeitet und z.T. digital restauriert worden. Sie sind somit aus der drohenden Verblassung, auch der Erinnerungen, entlassen worden und in einen neuen Denkzusammenhang gestellt.

Die Gipsgüsse, Findling, Fumage und mit harten Gegenständen bearbeiteten Fotopapiere werden hinter den fotografischen Abwicklungen verdeckt gehängt. Die Stoffbahnen der „Steincollage“ und der „Auslegungen“ flankieren seitlich den Raum, in den die verpackten Kartons der Aktion gelegt und gestapelt sind. Steine liegen in einer Schale daneben. Damit ist das Projekt, das mehrere Metamorphosen erlebte, abgeschlossen.

Frau Prof. Eller-Rüther arbeitete lang Zeit mit palästinensischen Frauen zusammen. Deren Lebensgeschichten sind auf ihren Schattenbildern nachzulesen. Die Schuhe, als Bindeglied zwischen dem geschichtlich bedeutsamen Boden und der Individualität der Trägerinnen, stehen davor. Sie sind mit Wachs und fluoreszierendem Material behandelt und archiviert. Die Trägerinnen sind als Rückenansichten auf schwere Eisenplatten mit Salzsäure geätzt. Dass sie sich beim Fotografieren umdrehen hat seine eigene Geschichte.

Heike Wurthmann stellt ein Boot und Schwimmwesten großflächig in den Raum. Knallgelb aus saugfähigem Küchentüchern genäht, liegt das Schiff steuerlos auf der Seite. Die Szenerie ist menschenleer und wir können selbst vermuten ob diese kaum schwimmfähigen Materialien Menschenleben gerettet haben können. Eher wohl wird das Scheitern einer ungeheuerlichen Fluchtbewegung an den Grenzen Europas sichtbar gemacht.

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