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Okt 2018 06

Ein kreatives Start-Up am Leben halten – oder: Warum Motivation alleine nicht ausreicht

Zwischen Flamingos und Kuh-Köpfen sitzt Anastasia Baron. Sie ist die Gründerin von papershape. Dort entstehen Modelle zum Selberbasteln, aus Papier. – Was braucht es denn alles, um ein Unternehmen im Kreativbereich zu führen? – Ein Interview von Antonia Hahn, Janka Hofmann und Hannah Kronen.

- Tierköpfe aus Papier. Zum Selberbasteln. Frau Baron, welchen Wert hat das für die Menschen? Böse Zungen könnten Ihre Produkte ja als „Staubfänger“ bezeichnen.

Auch wenn man sie nicht „braucht“, sind meine Modelle keine Luxus-Objekte. Sie helfen nicht, das Leben zu organisieren, und sind auch nicht zum Überleben notwendig; sie sollen den Leuten einfach Spaß machen. – Wenn ich aber sehe, dass es Kindern bei meinen Workshops schon schwerfällt, Papier zu schneiden, dann denke ich, dass papershape auch eine coole Beschäftigung anbietet, um motorische Fähigkeiten zu stärken.

- Gab es Anfangsschwierigkeiten? Hat jeder verstanden, was Sie mit ihrem Produkt erreichen wollen?

Als ich versucht habe, mein Büro anzumieten, musste ich hart darum kämpfen. Als die Vermieterin mich bei unserem ersten Treffen nach meinem Unternehmen gefragt hat, hat sie den Kuh-Kopf auf dem Flyer gesehen und gesagt: „Ah, okay, das muss ich mal mit meinem Mann besprechen.“ Dann sind wir wieder gegangen, und ich meinte zu meinem Freund: „Das war aber eine kurze Besichtigung, eine sehr kurze Besichtigung. Ich glaube, die findet das nicht so geil.“

Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, wie wenig aufgeschlossen manche Menschen meinem Produkt gegenüber sind, dass sie es auch gar nicht verstehen. Aber ich habe nicht lockergelassen und schließlich auch das Büro bekommen. Der Grund allerdings war unerwartet. Die ältere Dame hat uns das so erklärt: „Mein Sohn hat Sie in einer TV-Show gesehen, bei der “Höhle der Löwen” oder so. Tut mir Leid, ich bin vom älteren Schlag, aber er hat gesagt: das ist gut, ich soll Sie nehmen.“

- Und wie ist das bei Ihren Kunden?

Was mir sehr gefällt, ist, wenn Kunden mir Bilder von ihren fertig gebastelten papershapes schicken, und dann schreiben, wie cool für sie das Schneiden oder Zusammensetzen war, wie gut sie es fanden und wie viel Spaß es gemacht hat. Schön ist es auch, wenn sich Familien zum Beispiel ein Modell kaufen und dann erklären, es sei für Heiligabend als Beschäftigung nach dem Abendessen.

- Hat Sie eine Reaktion auch schon mal verletzt?

In der bisher schlimmsten E-Mail stand: „Hallo Frau Baron, ich habe das Chamäleon bei Ihnen bestellt und gebastelt. Aber ganz ehrlich, es sieht aus wie eine Missgeburt.“ Das war das eine Mal, als ich innerlich und äußerlich sichtlich errötet bin, weil mir das so nahe ging. Da musste ich mich dann erst mal zurücknehmen. Und dann dachte ich: „Okay, diese Kundin muss echt sehr, sehr, sehr erbost gewesen sein.“ (lacht)

- Im Interview mit „Nürnberg und so“, einem „Magazin mit Podcast“, haben Sie erwähnt, dass Ihr Partner Ihnen in einem Tief beistünde. Aber wodurch geraten Sie überhaupt in so ein Loch?

Ich würde unterscheiden zwischen Tiefs, die nachhaltiger sind, und Tiefs, die man aufgrund von bloßen Stimmungsschwankungen hat. Gerade im ersten Jahr, wenn im Sommer das erste Loch kommt und die Umsätze einknicken, fragt man sich natürlich: Woran liegt das? Und dann kann es passieren, dass man morgens denkt: „Na, passiert ja sowieso nichts, da bleib ich jetzt einfach mal im Bett.“

Häufig muss man auch Freunde zurückstellen. Und der Tag im Büro kann dann sehr monoton werden. Diese Überarbeitung kann aber schnell wieder ausgemerzt werden, wenn man sich einfach wieder ein bisschen mehr entspannt, oder wenn man Freunde und einen Partner hat, die einen da wieder rausholen.

- Was hat sich durch papershape in Ihrem Leben geändert?

Ich bin freier in meinen Entscheidungen und nicht von einem Chef abhängig, der mir sagt, welche Aufgaben ich zu erledigen habe.

Wenn man ein Start-Up gründet, denkt man ja: „Wenn du selbstständig bist, dann kannst du ausschlafen und so leben wie du willst!“ Aber bei mir ist das anders; ich habe einen strukturierten Tag. Ich stehe in der Regel um halb acht auf, habe dann aber nicht den Druck, zu einer bestimmten Zeit im Büro sein zu müssen. Diese Freiheit, selbst entscheiden zu können, wie man seinen Tag strukturiert und wann man arbeitet, habe ich durch papershape gewonnen.

Ich habe eine Arbeit, hinter der ich stehe; und auch wenn es immer wieder Aufgaben gibt, die nicht so cool sind, gehören sie einfach dazu. Ich erledige sie allerdings lieber als früher, weil ich weiß, warum sie wichtig sind. Es gibt niemanden mehr, von dem ich einfach nur eine Arbeit aufgedrückt bekomme, bei der ich mir dann denke: „Hoffentlich ist bald Wochenende!“

- Es gibt da einen merkwürdigen Begriff namens „Volition“. Wir verstehen ihn so: Wenn ich meine Steuererklärung endlich fertig mache, obwohl ich lieber mit Freunden in ein Café gehen würde, dann besiege ich meinen inneren Schweinehund. Haben Sie Probleme, auch in solchen Momenten stark zu bleiben?

Man hat einfach mal mehr Bock auf das eine, mal mehr auf das andere. Aber dadurch, dass ich wirklich sehr diszipliniert bin, kommt es mir nie so vor, dass ich mich extrem überwinden müsste, etwas zu tun; selbst wenn ich keine Lust habe. Das war schon im Studium so.

Ich habe diese Aufgaben gerne vom Tisch, anstatt sie aufzuschieben und dann immer im Hinterkopf zu haben. Umgekehrt könnte ich tatsächlich nicht mit Freunden trinken gehen und dabei wissen: „Okay, das muss noch alles fertig werden.“

- Jemand will seine Leidenschaft zum Beruf machen. Was raten Sie ihm?

Meine Empfehlung wäre, klein anzufangen. Das heißt: nebenbei zu starten, um herauszufinden, ob man diese Leidenschaft dauerhaft ausleben möchte. Je nachdem welches finanzielle Polster man hat, kann man dann auf Risiko gehen. Ich glaube, dass es schwer ist, ein Geschäft in Teilzeit aufzubauen; aber es gibt genügend Beispiele, bei denen das super geklappt hat.

- Und was treibt Sie an: die Freude oder das Geld?

(schmunzelt) Beides. – Ich komme ursprünglich aus der Betriebswirtschaftslehre, ich kann also nicht sagen, dass mich das Geld nicht antreibt. Aber mein primärer Antrieb ist, in der Freiheit zu leben, das zu tun, was ich gerne mag, und worin ich selbst einen Sinn sehe.

Deswegen habe ich meine Promotion abgebrochen. Auch wenn ein Doktor für viele als Statussymbol gilt, war der Titel für mich wertlos und das Arbeiten daran sehr anstrengend. Heute weiß ich: Wenn man etwas mit Leidenschaft tut, dann ist das lebenserfüllend. Dann denkt man plötzlich: „Morgen könnte ich weg sein, aber mein Leben war cool.“ Wer weiß, was in zehn Jahren ist. Wer weiß, wie einmal meine Zukunft aussieht. Aber so, wie ich momentan arbeite und lebe, ist es genau so, wie ich es wollte.

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Dieser Beitrag entstand im Sommersemester 2018 im Rahmen einer Kooperation der Zentrifuge mit der Technischen Hochschule OHM Nürnberg, Fachbereich Verbale Kommunikation, Prof. Max Ackermann.

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