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Mrz 2015 23

Ein gigantisches Projekt und wie man auf die Idee kam.

Eine Reportage von Andreas Hechtfischer, Maria Noll und Stefania Santoro

Fotos: Danko Green, gesichterderstadt.wordpress.com

„Bill Gates hat auch in einer Garage angefangen, unsere Garage ist eben etwas größer“ – Sie meinen es wirklich ernst. „Wir machen es einfach! Wir kaufen es … dieses Monstrum!“ – die Mitglieder des Vereins „Wir kaufen die Quelle e.V.“ sind hoch motiviert, obwohl das Projekt so riesig ist. Und trotz der Schwierigkeiten, die auf sie zukommen werden, lassen sie sich nicht entmutigen. Die „wilden Ideenschreiber“ haben schon einiges erreicht – von der Vereinssatzung und ersten Spenden bis zum regionalen Medienecho.

(c) Danko Green, gesichterderstadt.wordpress.com

Nürnberg, U-Bahn-Station „Eberhardshof“: Gleich um die Ecke ist das Gebäude des ehemaligen Versandhauses Quelle. Die Klinkerfassade wird von den Supermärkten in der Umgebung angestrahlt, dennoch ist der oberste Baustein von unten nicht mehr zu erkennen. Das ist auch nicht verwunderlich bei einem Gebäudekomplex, der rund 250.000 m2 groß ist. Auf dieser Grundfläche könnte man den Buckingham Palast mehr als dreimal errichten.

(c) Danko Green, gesichterderstadt.wordpress.com

Das „Heute“ – so heißt der Raum, der von allen Quelle-Mietern genutzt werden kann. Hier wird jeden Mittwochabend versucht, allen Anliegen in Sachen „Quelle kaufen“ gerecht zu werden – in gemütlicher Atmosphäre: für gedimmtes Licht sorgen ein Baustrahler und ein Kronleuchter aus Papierbechern, die Wände rechts und links sind mit alten Plakaten und Flyern tapeziert.

(c) Danko Green, gesichterderstadt.wordpress.com

Anfangs wollten sie nur aus einer Tankstelle eine Schreinerei machen. Der Insolvenzverwalter der Quelle war dagegen. So wurde aus einer kleinen Idee ein großes Vorhaben und aus einer Zapfsäule auf dem Gelände der ganze Gebäudekomplex. „Wir kaufen die Quelle. Du auch!“ so der Leitspruch. Warum? Der Vereinsvorsitzende und Architekt Matthias Neubeck – ein hochgewachsener Mann mit Vollbart und kurzer Strickmütze – sagt es in einem Satz: „Wir wollten nur an dieser Ressource teilhaben.“

(c) Danko Green, gesichterderstadt.wordpress.com

Die Stimmen hallen in den leeren Räumen der ehemaligen Quelle wieder. Das Projekt – eine Stadt in der Stadt – soll die Räume wieder füllen. Die Vision: In der Zukunft soll es hier alles geben, was eine Stadt braucht; vom Kinderbetreuer über den Mechaniker bis hin zum Arzt. Jedes Vorhaben wird Gehör finden, solange es in das Konzept passt. Hierbei lohnt sich Eigeninitiative, denn engagierte Leute werden vom Verein unterstützt.

(c) Danko Green, gesichterderstadt.wordpress.com

„Macht entsteht dann, wenn einer was macht!“ so Christian Weiß, Kassenwart und im Vorstand des Vereins. In der Zukunft soll hier mal das Herzstück von Nürnberg entstehen. Und es soll es eine basisdemokratische Struktur haben. Anderseits spricht man von einem leitenden Gremium und einem Verwaltungssystem. Eventuell haben auch Spender durch Fördermitgliedschaften Einfluss auf die spätere Gestaltung der Räume.

(c) Danko Green, gesichterderstadt.wordpress.com

Es ist schwer, sich die Größe des Projekts auch nur annähernd vorzustellen. Damit das Minimum überhaupt denkbar ist, müsste bei ca. 500.000 Einwohnern Nürnbergs jeder 65 Euro spenden. Geht man vom ersten Termin der Zwangsversteigerung am 9. Juni 2015 aus, so würden bei dieser Summe der Kaufpreis und erste Verwaltungskosten gedeckt.
Für spätere Sanierungen würden jedoch noch mindestens weitere 250 Millionen Euro benötigt – Matthias Neubeck rechnet mit circa 1.000 Euro pro Quadratmeter.

(c) Danko Green, gesichterderstadt.wordpress.com

Für die erste Hürde will der Verein ein Spendenkonto eröffnen und ein Crowdfunding starten. Einige Voraussetzungen für den Erfolg dafür sind bereits erreicht, ein großes Interesse der Medien ist vorhanden und die Mitglieder sind motiviert – nicht zuletzt durch die Aufmerksamkeit, die ihrem Projekt zuteil wird. Jedoch wurde die Gemeinnützigkeit des Vereins seitens des Verwaltungsgerichts noch nicht bestätigt. Somit können noch keine Spenden angenommen werden.

(c) Danko Green, gesichterderstadt.wordpress.com

Um eine zweite Säule, staatliche Förderungen, bemüht sich der Verein bereits, der Antrag bei der „Stadtentwicklungspolitik“ läuft. Dieser beinhaltet 100.000 Euro Fördergelder, aufgeteilt für die nächsten drei Jahre. Der nächste Schritt: „Das 1. Quartal 2015 wäre für uns dazu da – vorausgesetzt wir bekommen die Fördergelder – das Büro zu professionalisieren“, sagt Christian Weiß.

(c) Danko Green, gesichterderstadt.wordpress.com

Nach dem Kauf – und um das Projekt zu verwirklichen – stehen noch weitere Schritte aus: ein Verwaltungssystem aufbauen, das Objekt auf weitere Mängel untersuchen, es sanieren, mit Energie versorgen, es vermieten, Arbeitsplätze schaffen und mehr.

Letzteres will man aufteilen auf Teilzeitarbeitskräfte bzw. ehrenamtliche Mitarbeiter, die nicht nur Experten auf ihrem Gebiet sein sollten, sondern sich auch mit dem Vorhaben identifizieren müssen. Für die momentan zwölf Mitglieder wird das Projekt über kurz oder lang zum Vollzeitjob. Das kann sich nicht jeder vorstellen; auch der Vereinsvorsitzende nicht, der bereits über seinen eigenen Ausstieg nachdenkt. Matthias Neubeck möchte später, so ließ er in einem Interview verlauten, die „Stadt in der Stadt“ auch genießen können.

(c) Danko Green, gesichterderstadt.wordpress.com

„Diese Gruppe macht relevante, gesellschaftlich wichtige Arbeit, und das fühlt sch gut an“, so Christian Weiß. Vieles trägt zur persönlichen Befriedigung bei: wertvolle zwischenmenschliche Beziehungen und berufliche Kontakte, sich in Fachbereiche einzulesen, sie zu studieren, und das eigene Wissen zu erweitern. Und zwar nicht nur für den Einzelnen, sondern für jeden Beteiligten. So wie auch das Image der alternativen Szene verbessert wurde. Im Vordergrund dürfte für alle im Haus jedoch etwas viel Wichtigeres stehen, nämlich die angemieteten Ateliers und Büros behalten zu können.

In den Räumen: der Geruch von frischer Farbe – der Geruch der Hoffnung. Doch was passiert, wenn sie es nicht schaffen? Eine Option wäre: nicht die komplette Quelle, sondern nur einen Teil davon zu kaufen und mit anderen Investoren zusammen zu arbeiten. Auch eine Fusion mit einem anderen Verein wäre denkbar. Erstrebenswert scheint in jedem Fall eine Zusammenarbeit mit regionalen Partnern. Sollten sie keinen Teil der Quelle erwerben können, so geht das bereits eingeworbene Geld an die Stadt Nürnberg und muss für Kunst und Kultur verwendet werden.

(c) Danko Green, gesichterderstadt.wordpress.com

Ob der Traum nun wahr wird oder nicht, Christian Weiß bleibt zuversichtlich: „…die zweitbeste Lösung wäre immer noch super!“ Und mit den bisherigen Erfolgen sind die Vereinsmitglieder zufrieden.

Christian Weiß, Kassenwart und bildende Künstler in einer schwarzen Skihose, bevorzugt einen anti-autoritären Lebensstil. Er meint: „Die letztendliche Professionalisierung ist davon abhängig, wie wir uns dann auch geldmäßig etablieren können, ob wir wirklich gut dotierte Förderungen bekommen – in Kombination mit Spenden. Aber selbst dann zieh’ ich trotzdem keinen Anzug an.“

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Dieser Beitrag entstand im WS 2014/15 im Rahmen einer Kooperation der Zentrifuge (Magazin PILOT und Kreativblog ON-Index) mit der TH Nürnberg, Fachbereich Verbale Kommunikation, Prof. Max Ackermann.

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