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Dez 2017 05

Altenpflegeschule betreibt „Forschende Kunst“ zum Thema „Veränderung“

Die Berufsfachschulen für Altenpflege und Altenpflegehilfe der Gemeinnützigen Gesellschaft für Soziale Dienste (GGSD) am Bildungszentrum für Pflege, Gesundheit und Soziales in Nürnberg Langwasser gehen neue Wege bei Teambildung und Innovation: Mit dem „Ästhetischen Prozess“ erprobte das Kollegium bei seinem jährlichen Pädagogischen Tag diesmal ein Workshop-Format aus dem Ideenlabor der Kreativplattform Zentrifuge. Dabei lernten sich die KollegInnen auf neue Weise kennen und entwickelten Perspektiven für selbstorganisiertes Lernen und Arbeiten. Die künstlerische Begleitung gestaltete Uwe Weber vom Theater von Menschen für Menschen (Theater thevo).

Der Einstieg in den Pädagogischen Tag begann mit einem Klatschkreis: Der Schauspieler und Theatermacher Uwe Weber stellte die knapp 30 TeilnehmerInnen zu einem Kreis auf und rief in die Runde: „Klatscht in die Hände, seht euch dabei in die Augen und ruft „Pah“. Diesen Impuls nehmt ihr auf und gebt ihn dann an eure Nachbarn weiter.“ Die Übung kam früh am Morgen etwas unvermittelt, umso schneller waren alle wach und es gelang allen zusammen, gleichzeitig  mehrere hintereinander angestoßene Klatschimpulse zu „verarbeiten“ – und das sogar quer über den Kreis hinweg. Der erste gemeinsam gemeisterte Lernerfolg machte sichtlich Spaß und Lust auf mehr.

Nach diesem energiegeladenen Einstieg bat Moderator und Deutschlehrer Michael Schels seine KollegInnen in den Sitzkreis und erläuterte kurz den Hintergrund: Der „Ästhetische Prozess“ sei  eine Workshop-Methode der Kreativplattform Zentrifuge, die im Laufe mehrerer Jahre im Rahmen des Projekts „Forschende Kunst“ entwickelt wurde. Ästhetik werde dabei im weitesten Sinne als „Wahrnehmung“ verstanden. Wesentliche Merkmale des „Ästhetischen Prozesses“ seien Ziellosigkeit und Offenheit. Zudem sei immer mindestens ein(e) Künstler(in) eingebunden, was die TeilnehmerInnen inspiriere, „die Künstlerin/den Künstler in sich“ zu entdecken. Das Erforschen von sich selbst und anderen im gemeinsamen Tun werde quasi zur Kunst erhoben.

Deine erste Begegnung mit „Veränderung“?

15 Minuten Stille: Mit der Frage nach der persönlichen ersten Begegnung mit „Veränderung“ gingen die TeilnehmerInnen in sich und spürten Erinnerungen, Gefühlen und Gedanken nach, die sie dann in Zweier- und Dreiergesprächen austauschten. Im Podium zeigte sich danach die ganze Bandbreite von „Veränderung“: Von individuellen bis zu gesellschaftlichen Perspektiven, von positiven bis zu negativen Gefühlen, von Chancen bis zu Risiken, von Ohnmacht bis zu Gestaltungsfreude, von Neugierde bis zu Angst, von Festhalten bis zu Loslassen, von langsam bis schnell … Veränderung geschieht in jedem Augenblick und betrifft uns alle. Wir begegnen ihr auf unterschiedlichste Weise. Veränderung lässt sich nicht vermeiden und hat viele Facetten. Die Wahrnehmung von Veränderung – und damit die Wahrnehmung von uns selbst und der Welt – verändert sich selbst fortwährend. Alles ist im Fluss und es kommt darauf an, gemeinsam Beweglichkeit einzuüben – in geteilter Freude wie in geteiltem Leid.

Sinn spüren: Skulpturen bauen will gelernt sein

Mit einigen Lockerungs- und Aufwärmübungen lenkte Uwe Weber die Aufmerksamkeit zuerst in den eigenen Körper und dann hin zur Berührung. Bei einer „Magnet“-Improvisationsübung lernten die TeilnehmerInnen, spontan zu einer bestimmten Körperhaltung ihres Gegenübers selbst eine korrespondierende oder kontrastierende Haltung einzunehmen. Aus dem Augenblick heraus entstanden unterhaltsame und zum Nachdenken anregende Zweier-Skulpturen und schließlich eine Gruppenskulptur, bei der sich eine(r) nach dem/der anderen als Statue einbrachte, und die einen großen Interpretationsspielraum eröffnete. Danach durfte am in Zweiergruppen abwechselnd eine aktive und eine passive Rolle ausprobieren: Als „Bildhauer“ oder als „Statue“. Der aktive Part brachte den passiven Part durch Berührungen in eine bestimmte ausdrucksstarke Position. Am Ende konnte das Publikum durch eine Ausstellung flanieren, in der sich Statuen zum Thema „Befreiung“ bewundern ließen.

Teamgeist im Möglichkeitsraum

In der anschließenden Gruppenarbeit wurde die Statuenarbeit im sogenannten „Möglichkeitsraum“ weiter entwickelt. Der Möglichkeitsraum heißt so, weil er alle Freiheiten bietet – alles ist möglich, sofern Konsens besteht. Die hier verhandelten Themen und Inhalte konnten individueller, gesellschaftlicher, innerer oder äußerer Natur sein, egal ob beruflich oder privat. Die Gruppen stellten selbst gewählte Themen bzw. Situationen in zwei Bildern dar – vor und nach einer Veränderung und das Publikum interpretierte das Gesehene. Es kamen verschiedenste Veränderungs-Szenen zur Darstellung: von Gewalt zur Versöhnung, von Überlastung zur Entlastung, von Stress zur Erholung, von Angst zur Befreiung. Auffallend war, dass alle Veränderungen hin zum Positiven gestaltet wurden. Unabhängig davon, ob mehr Wunsch oder Wirklichkeit im Spiel waren: Der Teamgeist des Kollegiums war durchweg spürbar.

Veränderung als Chance, etwas besser zu machen

Nach der Mittagspause lud Michael Schels dazu ein, sich über Veränderungspotenziale auszutauschen. Der „Ästhetische Prozess“ gibt dabei nicht vor, wo diese Veränderungspotenziale ausfindig gemacht werden sollten. Dementsprechend abwechslungs- und ideenreich vielen die Ergebnisse aus. Eine Gruppe fokussierte auf die Veränderungspotenziale, die in jedem von uns schlummern und postulierte: „Ich kann mich nur selbst verändern, nicht den anderen!“. Eine andere Gruppe sah viel Veränderungspotenzial im Bereich des Schulklimas und machte sich stark für den Anbau eines Wintergartens. Eine weitere schöne Idee ging in Richtung Umweltschutz mit dem Vorschlag, Umweltschule zu werden. Und nicht zuletzt gab es den Wunsch bzw. die Idee, das Bewertungssystem zu ändern – freie Entfaltung statt Noten. Unterricht und Schule müssten dazu ganz neu gedacht werden. Die Ideen wurden von Kollegium und Schulleitung positiv aufgenommen und haben gute Chancen, weiter verfolgt zu werden.

Forumtheater: Veränderung ist machbar

Die Forschende Kunst mit Mitteln der Theaterarbeit ging zum Ende des Workshoptages in szenisches Spiel über, d.h. Skulpturen und Standbilder wurden mit Bewegung und Sprache angereichert. Uwe Weber, der jahrzehntelange Erfahrung im Forumtheater mitbringt, wies die Teams an, Szenen zu einem frei gewählten Veränderungs-Thema zu entwickeln und diese zur Darstellung zu bringen. Einzige Bedingung: Die dargestellten Figuren und Beziehungen sollten in einen Konflikt münden. Dieser Konflikt wurde im Anschluss an die Präsentation gemeinsam mit dem Publikum bearbeitet, indem die Zuschauer die Szenen auf Veränderungsmöglichkeiten hin abklopften. Vorschläge aus dem Publikum wurden gleich ausprobiert, d.h., wer eine Idee hatte, wie ein Konflikt verändert oder gar aufgelöst werden könnte, nahm eine Rolle ein und probierte die Veränderung gleich aus.

Es zeigte sich, dass das Forumtheater eine sehr gute Methode ist, Szenen aus dem Leben darzustellen, sie als veränderbar wahrzunehmen und durch persönlichen Einsatz zu modifizieren. Man kann dabei lernen, wie viel man selbst bewegen kann und auch, wie verschieden bestimmte Situationen interpretiert und verstanden werden können. Beispielsweise spielte eine Gruppe eine Szene, in der eine Lehrerin ihre Schülerinnen zur Mitarbeit motivieren will, jedoch am Widerstand der Schülerinnen scheitert. Aus dem Publikum bot sich eine Kollegin an, anstelle einer der „Schülerinnen“ in das Spiel einzugreifen. Die neue Spielerin verhielt sich in der noch einmal gespielten Szene vermittelnd und konstruktiv und es gelang ihr schnell, den Widerstand aufzulösen.

Alle Lehrer-KollegInnen waren von dieser Möglichkeit der Darstellung und Kommunikation begeistert und hätten gern noch viel mehr erfahren und ausprobiert. Ihr einhelliger Tenor: „Das können wir auf jeden Fall für den Unterricht verwenden!“ Auch Schulleiter Marcel Haas teilt die Begeisterung seines Kollegiums: „Forschende Kunst hat sehr viel Spaß gemacht. Wir haben uns kreativ ausprobieren können und uns dabei auf spielerische Weise noch besser kennen gelernt. Außerdem sind wertvolle Ideen entstanden, von denen wir wohl einige  weiter verfolgen werden. Und wir haben unseren didaktischen Methodenkasten erweitern können. Ein rundum gelungener Pädagogischer Tag!“

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