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Okt 2014 24
Nürnberg, auf dem Gelände der ehemaligen AEG: viele Hallen mit verwirrenden Nummern. An diesem Ort wurde die Forschende Kunst geboren. Wir wollen wissen, was das ist. Dafür suchen wir die Zentrifuge. Noch etwas planlos stehen wir zwischen den vie­len Eingängen.

Eine Reportage von Olga Komarova und Simona Leyzerovich.

Zum Glück taucht ein charmanter Mann auf, der uns helfen will, Ronald Zehmeister. Er er­kennt uns und zeigt uns das Tor zur Zentrifuge. Noch bevor unser Interview beginnt, erklä­ren wir ihm, zwar umfassend recherchiert zu haben, aber letztlich zu keinem Ende gekom­men zu sein. Herr Zehmeister sieht uns mit einem vielsagenden Lächeln an, vielleicht hat er das schon häufiger gehört, wenn es um „Forschende Kunst“ geht. „Oh ja, es ist geheim­nisvoll und hermetisch, was wir hier machen“. Wir lächeln zurück. Und er ergänzt: „Ein gu­ter Satz für den Anfang.“

Während des Interviews merken wir gar nicht, wie die Zeit vergeht. Wir erleben ein Ge­spräch mit vielen Abzweigungen und  langen Wegen, mit Definitionen und emotionalen Beschreibungen. Danach erkennen wir einzelne Punkte schon recht klar, aber sehen noch immer kein ganzes Bild. Zuhause hören wir uns mehrmals unsere Aufnahmen an, aber un­sere Verwirrung wird immer größer.

Die Forschende Kunst hat geschlossen
Auch die Dokumentation, die die Zentrifuge uns zur Verfügung gestellt hat, bringt erst ein­mal keine Klarheit. Darin finden sich Ansätze aus der Psychologie, aus der Zukunftsfor­schung, der Kunstgeschichte und der Soziologie, die zusammen tatsächlich etwas „Geheimnisvolles und Hermetisches“ darstellen. Noch hat die „Forschende Kunst“ ge­schlossen und will uns – einfache Beobachter – nicht herein lassen.
Aber mit der Zeit finden wir – ganz versteckt und in eine teils philosophische, teils lyrische Sprache gehüllt – eine ebenso schlichte wie kostbare Idee … Kunst und Künstler helfen sich selbst, in dem sie anderen dabei helfen, eigene Potentiale kennenzulernen und (im besten Fall) bewusster und kreativer an Aufgaben heranzugehen.  Das klingt nach einer Therapie, ist aber viel mehr, denn Ästhetik und Wirtschaft sollen ebenfalls profitieren.

In jedem Versuch etwas zu verändern, steckt eine Not

Immer häufiger hören wir von Burnouts oder einer Entfremdung durch Arbeit. Dies rührt her von einem allzu simplen Streben nach mehr Effizienz, von einer allgegenwärtigen Ar­beitsverdichtung und hat eine tiefe persönliche Unzufriedenheit zur Folge. Das Problem: unter solchen Bedingungen entstehen keine Innovationen. Nun stellt sich Forschende Kunst die Aufgabe, dabei zu helfen.

Aber wie kann ein Kreativprojekt etwas entwickeln, das für Wirtschaft und Gesellschaft re­levant ist? Wie kann es Innovationen in Unternehmen begünstigen oder gar hervorbrin­gen? Und wie die Motivation der Mitarbeiter steigern?
Die Lösung sind Workshops der besonderen Art. In einem bewusst gestalteten Freiraum kommen Menschen zusammen, die einander nur selten begegnen und sich – wenn über­haupt – nicht wirklich austauschen: Journalisten, Unternehmer, Techniker, Zukunftsfor­scher, Angestellte, Wissenschaftler, Künstler …
Hier soll es anders zugehen. So wird kein Ziel vorgegeben, sondern ganz auf Offenheit gesetzt. So gibt es am Anfang eines Workshops keine Vorstellungsrunde und möglichst keine Selbstdarstellung, um Voreingenommenheit zu vermeiden.

Was man zuordnen kann, meint man schon zu erkennen

„Wenn man Dinge zu schnell zuordnen kann, meint man sie schon zu erkennen“, sagt Mi­chael Schels, Mitbegründer und einer der Hauptverantwortlichen der Zentrifuge. Und um derlei falsche Erkenntnis zu vermeiden, bleibt die Begegnung zunächst naiv.

Bis jetzt hat Forschende Kunst zwei Workshops gestaltet. Einen mit dem Schwerpunkt Kunst, den anderen zum Thema Musik und Klang.
Beim zweiten Workshop haben die Teilnehmer beispielsweise – „einer spontanen Einge­bung folgend“ – gemeinsam den Raum erklingen lassen. Wie ein Kind, das einen Stuhl ge­nauso selbstverständlich zum Sitzen wie zum Trommeln benutzt, hat die Gruppe mit Ge­genständen und dem eigenen Körper musiziert. So versuchten die Besucher den Raum, in dem sie sich befanden, neu zu erleben, ganz so als ob sie ihn zum ersten Mal wahrneh­men würden und gar nicht wüssten, wofür seine Ausstattung normalerweise genutzt wird.
Nach diesem praktischen Teil, der einem im Gewohnten Neues erschloss, kamen philoso­phische Fragen auf. Was ist überhaupt ein Erkenntnisprozess? Wie läuft das bei mir ab? Was fühle ich dabei? Was denke ich währenddessen? Warum bin ich hier? Und wer sind die Anderen?
Diese Fragen kann jeder nur für sich selbst beantworten, es gibt keine Musterlösung dafür. Aber bei allen tritt die gleiche Verwirrung ein. Das Unbekannte irritiert uns und wir fangen an nachzudenken. Genau darum geht es. Sich nicht auf Erkenntnisse zu verlassen, die man mitgebracht hat, sich nicht von den Erfahrungen leiten zu lassen, die man mit der Zeit gesammelt hat, sondern sich für Neues zu öffnen.

Ästhetik spielt eine entscheidende Rolle

Und weitere Fragen entstehen: Was macht eigentlich ein Künstler oder Musiker, etwa im Vergleich zu einem Verwaltungsangestellten? Was können die Künste bewirken? Was wäre die Zukunft von Musik oder Kunst, etwa in Relation zu den Ingenieurswissenschaf­ten? Diese Fragen wurden theoretisch und praktisch angegangen. Und angeleitet von ei­nem Workshop-Betreuer hat jeder seinen persönlichen Zugang zum Thema gefunden, egal aus welchem Bereich er kam.

Es gibt einen Punkt, wo Kunst die eigene Wahrnehmung trifft. Dies ist ein Moment, in dem man berührt wird. Warum und wie das passiert, muss jeweils neu
herausgefunden werden. Aber mit genug Offenheit und Mut fällt es einem ganz leicht, sich Ästhetik zu erschließen und ihren Zugang zur Welt kennen zu lernen.
So haben die Teilnehmer in praktischen Teil gelernt, sich mit ihren Handlungen selbst zu definieren. Denn: „Wann und wo bin ich mit dem, was ich tue, identisch?“, fragt Ron Zeh­meister.

Die Belohnung ist Inspiration … und ein besseres Selbstgefühl

Nach dem Workshop haben Teilnehmer ihre Eindrücke festgehalten. Philosophische Essays, wissenschaftliche Artikel oder gar Gedichte sind entstanden. Jeder hat
einen eige­nen Ansatz gefunden, um das Erlebte zu beschreiben. Diese Dokumentation kann die For­schung unterstützen und hilft beim nächsten Schritt, ist für einen Laien aber eher verwir­rend.
Man könnte sagen, Forschende Kunst erfindet das Rad neu. Psychologie, Kunst und Na­turwissenschaften haben ähnliche Ansätze bereits bedacht. Doch leider werden sie noch zu wenig gelebt. So basiert unser Bildungssystem vor allem auf fertig portioniertem Wis­sen und weniger auf Fragen.
Doch für Forschende Kunst gilt: Seinem natürlichen, und angeborenen Forscherdrang fol­gend soll der Mensch selbstständig zu Erkenntnissen kommen. Wer diesen Weg meistert, dessen Erkenntnisdurst wird kaum zu stillen sein. Und er sieht sich belohnt mit Inspiration und einem besseren Selbstgefühl.

Nur wer nicht weiß, was richtig ist, wird neue Wege finden

Dieser Ansatz gilt nicht nur für die Bildung, sondern auch für den Beruf. Wer die richtige Lösung eines Problems nicht kennt, wird eher neue Wege finden.
Große Firmen könnten von solchen Initiativen profitieren. Mitarbeiter können und sollen lernen, mit den Unsicherheiten eines Schaffensprozesses umzugehen. Und das betrifft die Entwicklung neuer Technologien genauso wie die alltägliche Büroarbeit.
Aber ob Unternehmen und Konzerne diese Initiative für sich nutzbar machen, hängt nicht alleine von der Offenheit der Chefetage ab. Es ist ebenso wichtig, dass Forschende Kunst ein paar ihrer Rätsel löst und etwas weniger „geheimnisvoll und hermetisch“ wird.
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Diese Reportage entstand im SS 2014 im Rahmen einer Kooperation der Zentrifuge (Magazin PILOT und Kreativblog ON-Index) mit der TH Nürnberg, Fachbereich Verbale Kommunikation, Prof. Max Ackermann.

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