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Feb 2018 26

„what happened last week?“ – ein Gespräch mit Sham Jaff, der Herausgeberin eines Newsletters

In ihrem wöchentlichen Newsletter “what happend last week?” liefert die gebürtige Kurdin Sham Jaff oft übersehene, aber wichtige Informationen der letzten Woche, – in einem verständlichen und humorvollen Englisch. – Ein Interview von Nicole Limbrunner und Natascha Weber.

- Woher kam die Idee für einen Newsletter? Gab es einen entscheidenden Moment, in dem Sie gesagt haben: Das möchte ich jetzt machen?

Den Newsletter gibt es in dieser Form schon seit Jahren, genauer: seit September 2014. Davor gab es eine Art kleinen Blog auf tumblr, den ich vor allem aus persönlichem Interesse geführt habe. Ich habe damals in einem Bachelor-Studiengang Politikwissenschaft studiert. Dann habe ich gemerkt, wie die Medien sich stets auf bestimmte Themen fokussieren. Es wird nicht querbeet über die Welt erzählt, es werden einige wenige Themen herausgepickt und in Zyklen wiederholt. Aber das ist doch nicht das Abbild des Weltgeschehens.

Dann meinte ich: Versuche ich es eben als eigenes Projekt, einige Monate lang Nachrichten zu sammeln und in kurzen und einfachen Worten wiederzugeben. Der Newsletter kam dann zustande, als ich mir dachte, ich würde auf diese Weise gerne eine kleine Community schaffen, die sich auch für Nachrichten interessiert.

- Was gefällt Ihnen denn so an diesem Community-Gedanken?

Ich mag den Aspekt einer Gemeinschaft. Du meldest dich an und dann bist du ein Teil davon. Da nur Angemeldete den Newsletter bekommen, kriegt man das Gefühl der Exklusivität, ohne dafür bezahlen zu müssen. Und ich will auch keine Pay-Wall aufstellen, weil ich die Informationen ja selber kostenlos bekomme.

- Sie möchten also auch mittel- und längerfristig nicht, dass ihre Abonnenten etwas für Ihren Service zahlen müssen. Bringt das nicht auch Nachteile mit sich? Gibt es denn keine Fixkosten? Wäre es denn nicht schön, Geld zu verdienen?

Ich sehe es nicht ein, dass ich für frei erhältliche Informationen Geld verlangen sollte. Aber richtig, je größer deine Leserschaft ist, desto mehr musst du selbst dafür aufbringen. Denn das ist das Bezahlmodell bei MailChimp, dem E-Mail-Versender, mit dem ich arbeite.

- Sagen wir mal, Sie hätten alle Zeit und alles Geld der Welt, wie würden Sie mit „what happened last week?“ weitermachen?

Der Newsletter ist grandios gewachsen, ohne das ich Marketinggeld reingesteckt habe. Er wurde durch Mundpropaganda immer bekannter. Vielen gefällt er und viele haben anderen davon erzählt. So dass sich über 3000 User angemeldet haben, jetzt fast schon 4000, aus über 110 Ländern.

Wenn ich Geld hätte, würde ich ein Team einsetzen, das sich in allen sozialen Medien und auf allen Plattformen bewegt und diese Idee weiter verbreitet. Das würde auch dazu beitragen, dass die Jugend politisierter wird und vielleicht mehr mitmischen möchte. Also, ein Ziel wäre: das bewusstere Umgehen mit der Welt.

Außerdem würde ich gerne etwas anbieten, mit dem man sich seine eigene Zeitung bauen kann. Am Anfang war ja mein Traum eine „Do-it-yourself“‑Zeitung, eine Zeitung, die du nirgendwo anders bekommst, mit einer Basis an Grundwissen: “Schau, hier sind die Themen, die gerade die Welt bewegen!“ Und wenn er will, bekommt der Leser zusätzliche Informationen. Wenn er zum Beispiel mehr über eine bestimmte Geschichte oder eine bestimmte Region erfahren will.

Ich möchte auch Teammitglieder einsetzen, die sich bei der Recherche auf verschiedene Regionen fokussieren. Und „Übersetzer“ für all die komplizierten Formulierungen von Wissenschaftlern, aber auch von Journalisten. Mein Ziel wäre es, die Sprache beizubehalten, wie ich sie bei „what happened last week?“ verwende. Diese einfach, saloppe Ausdrucksweise, in der man eben miteinander redet. Das würde ich definitiv mit all dem Geld anstellen.

- Warum beenden Sie Ihren Newsletter mit einem humorvollen „on a funny note“–Teil?

Für mich war es wichtig, diese Zusammenfassungen so zu abzuschließen: „Guck mal, neben all diesen relevanten Nachrichten, gibt es auch Sachen, die dich zum Lachen bringen können.“ Und: Wenn Leute über die “funny note” reden, dann sind sie vielleicht auch dazu bereit, über all die anderen Themen zu sprechen.

- Wer liest diesen Newsletter?

Was ich beurteilen kann, ist meine Leserschaft einfach toll. So kritikfähig, so aufmerksam, so engagiert, so höflich. Auch dann, wenn etwas nicht so gut lief. Denn natürlich gab es ab und an Fehler. Natürlich kam es vor, dass ein Link nicht mehr funktionierte, als ich den Newsletter schon abgeschickt hatte. Dadurch habe ich gemerkt: Ich kann keine Scheiße machen. Ich muss genau wissen, was ich tue. Ich muss aufpassen, dass meine Quellen stimmen, dass die Links funktionieren, dass die Informationen, die ich gebe, wirklich alle richtig sind. Das heißt, ich bin jederzeit dazu verpflichtet, korrekte Informationen zu liefern und so neutral wie möglich zu bleiben. Und Fehlerhaftes muss ich richtigstellen.

- Wie ist das Ganze überhaupt allein zu bewältigen? Gibt es Leute, die Sie unterstützen?

Meine Abonnenten helfen mir sehr. Meine Leser können dazu beitragen, Themen vorzuschlagen, die sie wöchentlich in diesem Newsletter lesen wollen. Gerne würde ich ihnen ein bisschen mehr Kontrolle und Macht geben, Themen auf die Agenda zu bringen. Um so auch verschollenen Storys ein bisschen mehr Gehör zu verschaffen.

Deshalb mein Aufruf an alle Leser: “Bitte schickt mir Eure Storys! Bitte schickt mir das, was Euch am Herzen liegt. Bitte schickt mir das, von dem ihr wollt, dass viele Menschen darüber Bescheid wissen.” Den Großteil des Newsletters mache ich aber selber. Das fällt mir leicht. Denn ich liebe es, Nachrichten zu lesen.

- Ihnen ist es besonders wichtig, dass Nachrichten, einfach klar und verständlich präsentiert werden. Aber wie ist das, entwickeln Medien sich, Ihrer Meinung nach, in diese Richtung? Und nehmen sie jetzt auch Jugendliche als Zielgruppe wahr? Es gibt da ja verschiedene Angebote, ZEITjung, jetzt.de der Süddeutschen Zeitung, das NEON Magazin von stern oder bento von SPIEGEL … Auch wenn es da häufiger um Lifestyle, Lebenshilfe und Popkultur geht als um Politik.

In der englischsprachigen Welt haben Zeitschriften für Jugendliche auf einmal angefangen, über politische Sachen zu schreiben, – in einem saloppen Englisch. Denn man kann nicht mit so einem langweiligen „Financial Times“-Gehabe an die Jugend herantreten und sagen: “Das ist wichtig für eure Zukunft.” Nein! Du musst die Themen fassbar und ansprechend machen.

Ich habe viele Jahre lang studiert und mir bei vielen Texten gedacht: Wieso muss man das so kompliziert schreiben? Ich finde, dass sich Zeitungen, Magazine und Nachrichtensendungen darin verlieren, immer gebildet und professionell zu klingen. So erreichen sie nur wenig. Für mich aber sollte das Ziel jedes Mediums sein, jeden zu erreichen, einfach alle, unabhängig von welchem Bildungsstand, welcher Herkunft und welcher Sprache. Das muss so sein.

Die deutsche Nachrichtenwelt hinkt da hinterher. Dennoch habe ich das Gefühl, dass Jugendliche mehr Geschmack an Politik bekommen. Und weil diese Nachfrage da ist, wird in der Zukunft auch das Angebot da sein.

- Und haben Sie eine These: Wie wird sich die Medienlandschaft weiterentwickeln?

Die Art und Weise, in der wir mit Politik oder Nachrichten umgehen, ist jetzt schon spielerischer geworden, humorvoller und erreicht auch mehr Menschen. Die Welt hat sich nicht verändert, nur die Mittel. Doch meine persönliche Hoffnung ist, dass mehr Engagement von Jugendlichen kommt. Und sogar von solchen Menschen, die im Augenblick noch sagen: “Ich interessiere mich nicht für Politik, weil das so langweilig und trocken ist.” Das ist es nämlich nicht. Für mich jedenfalls ist es jedes Mal ein Thriller, wenn ich die Nachrichten lese.

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Dieser Beitrag entstand im Sommersemester 2017 im Rahmen einer Kooperation der Zentrifuge (Magazin PILOT und Kreativblog ON-Index) mit der Technischen Hochschule OHM Nürnberg, Fachbereich Verbale Kommunikation, Prof. Max Ackermann.

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