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Sep 2016 22
Eine neue Veranstaltung befasst sich mit Hoffnungsträgern, äußeren wie inneren, mit Engagement und Spiritualität. – Aber was rettet die Welt? Ein Gespräch mit zwei der Initiatoren von „Quellen der Hoffnung – Spiritualität und Engagement für die Eine Welt“,  dem Pfarrer Oliver Behrendt, Haus eckstein, und dem Zukunftsforscher Ronald Zehmeister – von Johannes Hartmann, Maria Thurn und Yasemin Izmir.



Ihre Veranstaltung heißt „Quellen der Hoffnung“. Was sollen wir uns darunter vorstellen?

Oliver Behrendt: Seit der Finanzkrise 2008 wächst die Zukunftsangst in Deutschland. Die Flüchtlingskrise verschärfte das noch mal – mit gravierenden Folgen wie dem erstarken extremer Parteien. Wir suchen ein Gegenmittel, also Projekte, die die Hoffnung vermitteln, dass eine positive Zukunft möglich ist. – Was uns allerdings genauso interessiert, ist, was erleben die Leute in ihren Projekten, das ihnen Hoffnung macht? Denn was sind ihre Ressourcen? Oder: Was sind die Quellen, mit denen wir uns verbinden müssen, um gute Projektarbeit zu machen?

Ronald Zehmeister Man denkt selten darüber nach, warum man für bestimmte Projekte brennt. Doch ich bin dafür, dass man sich Gedanken macht, woher eigentlich bestimmte Motivationen kommen, der Idealismus oder der Glaube an eine Utopie, dass man sich überhaupt eine bessere Welt vorstellen kann.

Herr Behrendt, Sie sind als evangelischer Pfarrer auch „Beauftragter für geistliche Übung und Meditation“. Aber inwiefern ist Spiritualität eine „Quelle der Hoffnung“ und wie käme man dadurch zu engagiertem Handeln?

Behrendt: Für jede Projektarbeit brauchst du innere Kraftquellen wie Aufbruchsenergie oder Durchhaltevermögen. Und als Gegenfrage: Was ist „Spiritualität“ überhaupt? Ist es der Moment, wo wir im Kontakt sind mit dem, was man vielleicht „Geheimnis des Lebens“ nennen könnte? Wo in der Begegnung mit der Schönheit oder mit dem Leid plötzlich ein Vorhang aufgeht und du spürst, es gibt was Tieferes?
Ich kann mein Tun nicht isolieren von dem, was im Großen und Ganzen passiert. Ich glaube, Spiritualität hat damit zu tun, diese Verbundenheit zu erkennen. Keiner ist isoliert vom Anderen. Gemeinsam gestalten wir die Wirklichkeit. Wir sind alle Teil dieses Prozesses.
Und dafür eine Wahrnehmung zu entwickeln, würde bedeuten, dass ich mich nicht mehr auf den reinen Ego-Standpunkt stellen kann. „Nach mir die Sintflut!“ Wenn ich das wirklich verstehe und eingesehen habe, dann werde ich auch anders handeln. Also hat Verbundenheit, Reinschauen und mit dem Leben in Fühlung zu kommen, mit Spiritualität zu tun, aber eben auch mit Engagement.

Und was wollen sie damit erreichen? Eine Erkenntnis?

Behrendt: Dann haben wir das große Ressourcenfeld „Spirituelle Arbeit“. Wenn Leute anfangen überhaupt zu spüren, wo sind die eigenen Sehnsüchte. Wird also eine andere Energie im Projekt stecken, wenn ich sehnsuchtsverbunden arbeite, als wenn ich völlig weg bin von mir und meiner Person? Wenn ich anfange ressourcenorientiert zu arbeiten und zu leben, verändert sich mein Leben völlig.
An wen richtet sich ihre Veranstaltung? Vor allem an diejenigen, die sich bereits engagieren?

Behrendt: Ja, das ist eine wichtige Zielgruppe. Aber wir wollen das auch öffnen für Leute, die noch nicht so aktiv sind. Die sollen merken, da passiert was für die Seele, was Schönes, was dich nährt. Wir sagen: Alle, die miteinander nach den Quellen von Engagement für eine gute Welt, für eine gute Zukunft suchen wollen, die sind herzlich eingeladen.

Ihre Referentenliste ist bunt: Pfarrer, Zukunftsforscher, Philosoph, eine Biologin, ein Mitglied der globalisierungskritischen Organisaiton Attac. Wo wären da die ideologischen Schnittpunkte oder auch nur die gemeinsamen „Quellen der Hoffnung“?

Behrendt: Wir sind in dieser Szene eigentlich in einem ideologiekritischen Raum. Wir machen einen Forschungsraum auf, um genau diese Fragen zu stellen. Ich könnte mir vorstellen, dass es das ist, was uns verbindet. Eine gemeinsame Suche nach den echten Quellen, nach dem, was wirklich trägt und Veränderung ermöglicht.

Ist diese Veranstaltung also ergebnisoffen? Oder gibt es klare Ziele außer der Erkenntnis?

Behrendt: Für jede Projektarbeit brauchst du Kommunikationsfähigkeit. Dass wir zusammen sehen, in welche Richtung könnte es miteinander weitergehen. Was wir uns als ein Ergebnis wünschen würden, ist, dass vielleicht eine Art Stadtcouncil entsteht – also eine Gruppe von Menschen aus ganz verschiedenen Bereichen, aus Politik, Wirtschaft, aber auch aus NGOs, also: Non-Governmental Organisations, und frei Engagierten. Und: Dass so ein Ort fest institutionalisiert wird.
Ein Ziel unserer Veranstaltung ist es, die Menschen in diese Erkundungsbewegung mit hinein zu nehmen. Hast du ein Projekt entwickelt, das die Welt zukunftsfähiger macht? Bist du mittendrin in einem solchen Projekt? Was sind die Quellen, die dich nähren?

Zehmeister: Ansonsten wagen wir uns in unbekanntes Gebiet. Es ist nicht klar, was funktioniert und wie. Aber das gehört dazu. Sonst wäre es ein Format, das es schon tausendmal zuvor gegeben hat.
Spricht das Thema Spiritualität nicht vor allem die Generation der Babyboomer an?

Behrendt: Die Leute, die wir mit dieser Arbeit erreichen können, sind eher über 40 Jahre alt. Wenn ich aber bei Studierenden an der Uni bin, habe ich den Eindruck, dass die das Thema genauso tief berührt. Die kamen in die Meditationsgruppen und sagten: „Das hat mir total geholfen, in meiner Examenszeit klar zu bleiben.“

Zehmeister: Eine Brücke zur Generation Y wäre die Sinnsuche. Beruf, Karriere … das befriedigt sie nicht völlig. Darüber hinaus möchten sie einen sinnvollen Zusammenhang sehen. Das hat es in den 80er-Jahren seltener gegeben.

Und was sagen Sie den Skeptikern? Was sagen Sie jenen, die sich nicht engagieren, weil sie nicht daran glauben, dass man die Welt verändern kann?

Behrendt: Pessimismus ist der Zeitgeist. Aber das ist auch ein erkenntnistheoretisches Problem. Teil dieses Problems sind die Medien, die uns Informationen auf ganz bestimmte Weise präsentieren: Gewalt, Krieg, die Zerstörung der Natur. „Only bad news are good news”. Dabei wird übersehen, dass viele Menschen bereits an der Lösung dieser Fragen dran sind. Stimmt also unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit?

Zehmeister: Wenn ich die letzten 30 Jahre betrachte, sind das Miteinander in der Arbeitswelt, das Geschlechterverhältnis oder auch der Naturschutz signifikant besser geworden. Und selbst wenn die Fakten alle negativ wären, muss man immer die Entscheidung treffen: Sehe ich zu, wie alles den Bach runter geht? Oder will ich zumindest für mich ein besseres Leben führen?

„Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, dann würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“.

Behrendt: Dieser Satz wird ja immer dem Reformator Martin Luther zugesprochen. Da könnte man einfach sagen: Was den Pessimisten und den naiven Optimisten verbindet, ist, dass beide nicht ins Handeln kommen. Der Pessimist sagt, es macht keinen Sinn mehr. Der naive Optimist sagt, alles ist super, ich muss gar nichts tun.
Unser Anliegen ist es, die Menschen wieder handlungsfähig zu machen. Und wir sagen, wenn ihr euch mit euren Sehnsüchten und den Ressourcen verbindet, kommt die Kraft und auch der Sinn der Arbeit wieder zurück.
„Quellen der Hoffnung – Spiritualität und Engagement für die Eine Welt“ findet vom 21. bis 23. Oktober 2016 im Eckstein in der Burgstraße 1-3 in Nürnberg statt. Kosten je nach Selbsteinschätzung: 60 bis 250 €.

www.quellen-der-hoffnung.de/

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Dieser Beitrag entstand im SS 2016 im Rahmen einer Kooperation der Zentrifuge (Magazin PILOT und Kreativblog ON-Index) mit der TH Nürnberg, Fachbereich Verbale Kommunikation, Prof. Max Ackermann.

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