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Okt 2018 06

Wie die Bürger Nürnberg zur Kulturhauptstadt 2025 machen sollen

Wer nach den Kreativen ruft, … wird Ideen ernten. Und was dann? – Der erste “Open Call”: Kultur im leeren Raum oder eine Vielzahl von Ansätzen? – Eine Reportage von Katja Kropfhäuser und Michelle Grosch.

“Stell dir vor, Du hast eine Idee.
Eine Idee, die Deine Stadt verändert.
Eine Idee, die Europa lebt.
Eine Idee, die Geschichte erfahrbar macht.
Wir helfen mit bis zu 5000 Euro bei der Umsetzung.”

So klang die Einladung, sich am ersten “Open Call” zu beteiligen – und zwar mit Ansätzen für soziale, künstlerische oder ökologische Projekte. Damit warb das “Bewerbungsbüro Kulturhauptstadt Europas 2025”, wie es etwas sperrig heißt, sich an den Anstrengungen der Stadt zu beteiligen. Und im Prinzip konnte jeder mitmachen. Er sollte nur etwas verändern oder entwickeln wollen.

Stell dir also vor, Du hattest wirklich eine Idee – so wie 170 andere Gruppen, Einzelpersonen und Institutionen auch. Du hast tatsächlich alle Hürden überwunden: Du hast – wie es gefordert wurde – einen lokalen Projektpartner gefunden, dein Konzept genau ausgearbeitet und seine Gesamtkosten berechnet. Jetzt fehlt dir nur noch die finanzielle Unterstützung. – Der Haken daran: Von 170 eingereichten Projekten werden nur zehn wirklich mit 5000 Euro gefördert. Wie aber wird das entschieden? Und was ist, wenn du nicht gewinnst? Wirst du auch weiterhin motiviert sein, an deinem Projekt zu arbeiten?

Ähnliche Gedanken beschäftigen auch Lina Wagner. Sie ist Tanzlehrerin und Mitbegründerin eines Jugendtanzensembles. Ihre Idee: Das Projekt „Nürnberg in Bewegung bringen”. Ihr Ziel: Sie möchte eine “getanzte Stadtführung” inszenieren. – „Wir wollen”, sagt Wagner, “die Jugendlichen des Ensembles erzählen lassen, was sie an Nürnberg spannend und schön finden. Wir wollen aber auch Plätze zeigen, wo sie sich nicht wohl fühlen, Dinge, die sie an Nürnberg furchtbar finden.“

„Es gibt auch Orte abseits des Dürerhauses und des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände. Klar, Geschichte ist wichtig, aber hier geht es um die Perspektive der Jugendlichen.“ Der Hintergrund: Wagner ist der Meinung, schon seit langem laufe das Kulturprogramm für Heranwachsende ins Leere. Das hat sie motiviert, etwas zu verändern.

Wagner sieht Angebote wie den Open Call als Chance, auch kleinere Projekte in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Diese Aufmerksamkeit braucht man auch, um beim Auswahlverfahren überhaupt eine Chance zu haben, geht es doch darum, möglichst viele Stimmen zu erhalten. Und hier zeigt sich ein Dilemma: Woher kommen diese Stimmen? Und: Wer macht mit?

Kultur-Demokratie im leeren Raum?

Denn es scheint, als habe kaum jemand etwas von diesem Open Call erfahren – außer natürlich den Menschen, die sich selbst beteiligt haben. Lina Wagner sorgt sich um die Breitenwirkung: „Ich weiß nicht, ob da jemand abstimmt. Außer denen, denen ich sage: Macht bitte mit!“ Wer hat also schon eine Lobby, ein Netzwerk, Unterstützer? – Und noch ein Problem: „Beim Online-Voting tun sich schon meine Eltern schwer, und die sind noch gar nicht mal so alt.“

Denn: In Sachen Marketing setzt das Kulturbüro hauptsächlich auf das Internet. Das wirkt zukunftsweisend. Es lässt aber auch ein paar Leute zurück. Gerade die älteren und weniger onlineaffinen Bürger/innen steigen da schnell aus. Dass das ein ernst zu nehmendes Problem ist, stellten wir auch bei einer Diskussionsrunde zum Thema Kulturhauptstadt fest. Im Stadtteil Röthenbach trafen Personen verschiedensten Alters aufeinander, die dennoch ein gemeinsames Ziel hatten: Nürnbergs Kultur zu fördern und die Stadt lebenswerter machen.

Zum Abschluss ihres Vortrags zeigten die Beauftragten des Bewerberbüros dann einen kurzen Clip, der noch einmal das Wichtigste zum Open Call vermitteln sollte. Doch entgegen ihren Erwartungen stieß das Video fast ausschließlich auf Kritik, wie „Das versteh ich nicht“ oder „Das spricht ja eher die Jüngeren an. Da kommen wir nicht mit.“ – Wie soll also eine gesamte Stadt verändert werden, wenn nur ein Teil ihrer Bürger versteht, worum es dabei geht, geschweige denn etwas davon mitbekommt?

Doch das ist nicht das einzige Problem des Open Calls. Als sich die hitzige Diskussion in Röthenbach dem Ende zuneigte, wurde zunehmend Frustration laut. Schnell stellte sich die Frage, wie man seine Ideen umsetzen könnte. Denn häufig fehlt es an Projektpartnern für kleinere Vorhaben, die aber eine Voraussetzung sind für die Teilnahme am Open Call. „Selbst wenn wir uns jetzt sofort auf die Suche machen, wie sollen wir innerhalb dieser Frist noch ein fertiges Konzept erstellen?“ Denn zu diesem Zeitpunkt verblieben nur noch wenig mehr als drei Wochen. – Übrigens: Auch Lina Wagner schaffte es kurz vor Ende der Frist, ihre Bewerbung abzugeben. Sie meint dazu: „Es ist schon ein Haufen Arbeit. Und ich glaube, dass die knappe Zeit einige abgeschreckt hat.“

Aber trotz der widrigen Rahmenbedingungen, der Wunsch, sich am Stadtgeschehen zu beteiligen, ist enorm. Das lässt sich auch an den über 170 eingereichten Projekten ablesen: Ein Gewächshaus, das die Abwärme der U-Bahn nutzt? Patenschaften für die Kreativen im Heizhaus des Quelle-Gebäudes? Open Air-Bühnen für alle? Ein Kulturgarten? Ein Kunstprojekt, das sich mit Bienen beschäftigt? Ein inklusives Zirkus-Programm, für Menschen mit und ohne Behinderungen? Poetry Slam Workshops? Street Art zum Thema Menschenrechte? Ein Rohstofflager, „das wie eine Art Secondhand-Baumarkt funktioniert“? Straßennamen, die an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus erinnern? … und noch viele viele mehr.

Schon die Chance bringt Dinge in Bewegung

Und wie stehen Nürnbergs Chancen, Kulturhauptstadt Europas zu werden? Dafür, so hieß es, sei es nötig, Alleinstellungsmerkmale zu identifizieren. Doch bei der Diskussionsrunde in Röthenbach gab es dazu ganz unterschiedliche Auffassungen: „Sollten wir nicht mal einen anderen Standpunkt einnehmen, und uns von den typischen Touristenattraktionen entfernen?“ -  Oder: „Christkindlesmarkt und Spielzeugmuseum, genau das ist doch Nürnberg!“

Wir wagten einen zweiten Blick auf die eingereichten Projekte und staunten nicht schlecht über die breitgefächerte Auswahl, die sich da im Internet präsentierte: “Tröstende Schilder für trostlose Orte”, “Graffiti gegen Rassismus” oder “LEGO-Kunstwerke im Spielzeugmuseum” … Wir wurden aber auch von einem unbestimmten Gefühl beschlichen, das Lina Wagner auf den Punkt bringt: „Es war jetzt nichts dabei, wo ich sage: Wow! Das habe ich noch nie gehört oder gesehen.“

Doch das muss nichts Schlimmes sein, wie sie uns zu verstehen gibt. Denn sie ist der Meinung, dass gerade das Fördern von vielen kleinen Projekten zu einem Aushängeschild für Nürnberg werden könnte: „Denn bislang sagt die Stadt, sie hätte kein Geld, oder dass sie gerade etwas anderes finanziere. Das ist dann so etwas Großes wie das Klassik Open Air, das Bardentreffen, die Blaue Nacht. Und das find’ ich schade. Da ist es super, dass jetzt auch mal kleinere Sachen unterstützt werden.“ So werden sie überhaupt erst sichtbar – und zeigen: Vielfalt und Mögllichkeiten.

Stell dir also vor, Du hattest wirklich eine Idee – so wie 170 andere auch. Was ist also, wenn du nicht gewinnst? Bist du weiterhin motiviert, an deinem Projekt zu arbeiten? Lina sieht uns entschlossen an: „Wir ziehen das auf jeden Fall durch. Die Frage ist nur: In welchem Rahmen?“ Denn Begeisterung sei da, und zwar mehr als genug: „Die Jugendlichen wollen unbedingt so viel machen wie möglich: so viel Performance wie geht. Und es macht Spaß, wenn du mit Leuten zusammenarbeitest, die Bock auf etwas haben.“

Vielleicht ist es letzten Endes gar nicht so wichtig, ob die Bewerbung um einen Titel wie “Kulturhauptstadt 2025” auch Erfolg hat. Viel wichtiger ist es, was allein die Chance schon in Bewegung bringt.

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Dieser Beitrag entstand im Sommersemester 2018 im Rahmen einer Kooperation der Zentrifuge mit der Technischen Hochschule OHM Nürnberg, Fachbereich Verbale Kommunikation, Prof. Max Ackermann.

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