follow us at facebook follow us at facebook follow us at facebook
Apr 2014 13

Ich bastle mir eine Handprothese. Einen stylischen Sessel? Ein Musikinstrument oder ein abstraktes Kunstwerk? Meinen Möglichkeiten sind kaum Grenzen gesetzt. Viel wichtiger jedoch: meiner Kreativität ebenso wenig. Das FabLab Nürnberg ist eine offene Werkstatt. Sie ermöglicht den Zugang zu Maschinen und Geräten – und zwar zu solchen, die sonst nur der Industrie oder sehr wohlhabenden Menschen vorbehalten sind. Aber das FabLab liefert auch einen Einblick in eine Zukunft, von der man vor zwanzig Jahren nur träumen konnte.

Eine Reportage von Daria Diehl und Sebastian Herbst.

Das „FabLab“ … Hier, so heißt es, wohnt ein Stück von Übermorgen. Doch wer bei seinem Besuch ein steriles „Future-High-Tech“-Labor erwartet, wird überrascht sein. Denn auf den ersten Blick wirkt das hier alles andere als zukunftsweisend. Was sich zunächst nach einem trendigen Insider-Treffpunkt für Nerds angehört hat, entpuppt sich: als Ort ohne Zugangsbarrieren, ohne Altersbeschränkung, ja nicht einmal Vorwissen braucht man.

Erinnerungen an Jugendzentren stellen sich ein. Es fehlt eigentlich nur noch das gedämpfte Plärren einer Punk-Band aus einem Keller-Proberaum. Doch etwas anderes bestimmt die Geräuschkulisse: Geschäftiges Gemurmel, entspanntes Gelächter, das Klirren von Glasflaschen, das Surren von Laptops, aber auch ein ungleichmäßiges Poltern zahlreicher, oft geheimnisvoller Apparaturen. Denn erst mit der Zeit fallen einem all die Gerätschaften auf, an denen fleißig gewerkelt wird. Hier stehen sie zur Verfügung, ob Lasercutter, Stickmaschine, 3D-Drucker oder Tauchsäge …

So fühlt man sich ein wenig wie ein gerade zugezogenes Kind, das jetzt, zum ersten Mal im Klassenraum auf seine neuen Mitschüler trifft: ein wenig verloren. 
Was muss ich beachten, wenn ich hier arbeiten will? Wen muss ich fragen, wenn ich Zugang zu diesen Maschinen bekommen möchte? Wo soll ich ansetzen? Anfangs ist man vielleicht etwas eingeschüchtert; doch schnell fällt einem eine kleine Theke auf, hinter der die Betreuer des Projekts warten. Und auf genau diesen Fall sind sie gut vorbereitet. Schnell erhält man eine kleine Führung durch die Räume, bei der einem die verschiedenen Stationen des FabLabs vorgestellt werden.

Man erfährt auch vom Konzept dahinter … Und schon wieder drängt sich der Vergleich mit einem Jugend- oder Kulturzentrum auf: Die Betreuer und Mitarbeiter arbeiten allesamt ehrenamtlich und im Rahmen eines Vereins. So oder so basiert vieles auf freiwilligem Engagement, auf Spenden und Vertrauen. Bezahlt werden nur die verwendeten Materialien. Und die Maschinen zu nutzen ist grundsätzlich kostenlos. Auch das Publikum könnte unterschiedlicher nicht sein: Zwölfjährige Jungs tüfteln an motorisierten Modellflugzeugen, während nebenan zwei Männer mittleren Alters über neueste Entwicklungen im 3D-Druck fachsimpeln. Wenige Meter weiter schraubt ein Großvater die defekte Wanduhr vom Dachboden auf und versucht sie wieder in Gang zu bringen.

Das FabLab auf dem ehemaligen AEG-Gelände an der Fürther Straße ist eine von deutschlandweit acht offenen Werkstätten, in denen künstlerisch und technisch Interessierte ihre Ideen an der Werkbank umsetzen können. FabLabs gibt es mittlerweile überall in Deutschland. Mal als kleines Zimmerchen in einer stillgelegten Fabrik, mal in einer Halle auf über 600 Quadratmetern. Das FabLab in Nürnberg ist das zweitgrößte der Bundesrepublik. Hier haben die Initiatoren auf immerhin 200 Quadratmetern eine hochtechnisierte Umgebung geschaffen, in der jeder Mensch aus jedem Einfall ein Objekt, aus einem Konzept ein eigenes Werk entwickeln kann.

FabLabs verstehen sich als öffentliche Räume für alle Generationen. Hier arbeiten unerfahrene Jugendliche neben alten Hasen aus dem Handwerk. Hier lernen Kinder, wie sie ihre Kopfhörer selber reparieren können. Und so manch ein Rentner freut sich darüber, seine langjährige Erfahrung an die nächste und übernächste Generation weitergeben zu können. Neben den Eigenbrötlern, die still vor sich hin werkeln, gibt es auch diejenigen, die vor allem den Austausch mit anderen suchen. An den Maschinen stehen Laien und Profis zusammen und wenn man einmal Rat braucht, ist Hilfe nicht weit.

All die Möglichkeiten, die einem dieser Platz für Kreativität bietet … Angesichts dessen ist das Potenzial dieser Werkstätten kaum zu erfassen. Im Gegensatz zur industriellen Fertigung, in der Effizienz, zeitliche und finanzielle Optimierung von Produktionsprozessen im Vordergrund stehen, versteht sich das FabLab eher als ein Ort des sozialen Miteinanders, auch für diejenigen, die einen Ausgleich zu ihrem Berufsleben suchen, oder jene, denen Begegnungen fehlen. Zugezogene können hier schnell Kontakte knüpfen und Gleichgesinnte kennen lernen. Auch Jugendliche aus sozial schwächeren Schichten kommen hierher, entdecken ihre verborgenen Talente und Interessen, und stellen fest, dass sie etwas können.

Menschen kommen, um zu lernen. Und dazu gehört nicht nur, zu verstehen, wie ein Lasercutter mit Hilfe einer Vektordatei eine Form aus einem Holzbrett schneiden kann, sondern auch, wie man mit seinen Mitmenschen umgeht, mit Menschen jeden Alters, jeglicher Herkunft und aus allen Schichten. Hier können sie voneinander lernen und ihr Gegenüber als Bereicherung erfahren.

Auch auf anderen Kontinenten, wie beispielsweise in Afrika, wird das Konzept umgesetzt. 

 Denn gerade in Entwicklungsländern ist es nicht so leicht, Ideen und Innovationen professionell auszuarbeiten, und sicher weniger üblich als in den Unternehmen der Industrienationen. So begünstigen FabLabs dort nicht nur eine globale Annäherung auf technischer Ebene, sondern bieten zudem auch die Chance, neue Denkweisen kennen zu lernen. So können Menschen aus weniger privilegierten Regionen lernen, Gebrauchsgegenstände zu reparieren oder selbst welche herzustellen. Das löst Probleme auf lokaler Ebene und mildert konkrete Engpässe. Und von dem Wissen, das man sich in einem FabLab erarbeitet, profitieren dann weitere Menschen, die ihrerseits neue Ideen kreieren.

Doch bevor die FabLab-Bewegung schließlich den afrikanischen Kontinent erreichte, musste Neil Gershenfeld darüber nachdenken. Im Jahr 2002 rief er die Bewegung ins Leben, am Massachusetts Institute of Technology, dem MIT in Boston. Die Idee entsprang einer Studie zum Thema „computational capacities that are inherent to physical systems“. Das wirkt eher trocken. Doch diese wissenschaftliche Untersuchung, die einst die Effekte und Potenziale erforschen sollte, die sich einstellen, wenn Menschen mit Hilfe von Computern Dinge bearbeiten, hatte weitreichende Folgen. Ausgehend von den USA wurden weltweit FabLabs gegründet, mittlerlerweile 125 in 34 Ländern. Aber noch mehr stehen kurz vor der Eröffnung oder sind schon in Planung.

Die Aktivitäten der FabLabs werden durch eine internationale „Fab Charter“ geregelt. Diese Charta stellt eine Leitlinie dar und charakterisiert: „Mission“, „Zugang“, „Bildung“, „Verantwortung“, „Geheimhaltung“ und „Geschäft“. So vermittelt sie Kernaspekte des Prinzips FabLab. Denn hier geht es um den offenen Zugang und eine freie Wissensvermittlung, um eigenverantwortliches Handeln, gegenüber anderen Menschen, gegenüber Umwelt und Technik. Aber auch kommerzielle Aktivitäten und die Rolle geistigen Eigentums kommen zur Sprache.

Und so wohnt hier tatsächlich ein Stück von Übermorgen zwischen Freizeit, Sozialverhalten und neuen Formen der Produktion.

www.fablab-nuernberg.de

————

Diese Reportage entstand im WS 2013/14 im Rahmen einer Kooperation der Zentrifuge (Magazin PILOT und Kreativblog ON-Index) mit der TH Nürnberg, Fachbereich Verbale Kommunikation, Prof. Max Ackermann.

Leave a Comment