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Jan 2015 30

Ein detektivischer Selbstversuch von Sebastian Schnellbögl und Julian Reichel.

Viele Engstellen, kaum abgetrennte und oft zugeparkte Radwege, Schneehaufen im Winter … rücksichtslose Rechtsabbieger und offene Autotüren inklusive. – Als erste Stadt Bayerns erhielt Nürnberg im Jahr 2013 den Titel „Fahrradfreundliche Kommune“. Als Neu-Nürnberger wagen wir einen Selbstversuch und steigen aufs Rad, – ein detektivischer Selbstversuch von Sebastian Schnellbögl und Julian Reichel.

Es ist Sommer und der letzte Freitag im Monat. Wir starten an der Technischen Hochschule Nürnberg und fahren auf dem gut ausgebauten Radweg, an der Pegnitz entlang, in Richtung Altstadt. Bis zum Kreisel am Lorenzer Platz verläuft unsere Fahrt völlig reibungslos. Danach biegen wir in die stark frequentierte Königsstraße ein, eine Einbahnstraße, die man als Fahrradfahrer in Gegenrichtung passieren soll. Ein Radweg ist durch deutliche Markierungen abgetrennt. Aber eng ist hier. Beim Versuch zu passieren, fühlen wir uns an klassische Jump’n'Run-Spiele erinnert. Scheinbar blinde Fußgänger mit riesigen Einkaufstaschen und plötzlich ausparkende Autos sorgen für Stress.

Gegen 18:00 Uhr schlagen wir „rein zufällig“ am Opernhaus auf, wie knapp 400 andere Fahrradverrückte auch. Denn seit einigen Jahren findet hier die „Critical Mass“ statt. Eine urbane Aktionsform, ursprünglich aus San Francisco, die sich mittlerweile auf dem gesamten Globus etabliert hat. Die Idee, die die Anwesenden verbindet, ist einfach: Die Straße gehört den Fahrrädern, zumindest für kurze Zeit. Jeweils 15 Verkehrsteilnehmer bilden einen geschlossenen Verband, der es den Fahrradfahrern ermöglicht, zusammen auf der Straße zu fahren. Die „Critical Mass“  wirkt gesellig und die Stimmung ist ausgelassen. Wir unterhalten uns mit einigen Teilnehmern. Die meisten wollen auf die Belange der Fahrradfahrer aufmerksam machen. Grundsätzliches Ziel ist eine verbesserte Infrastruktur. In der „Masse“ entdecken wir aber auch einen fahrbaren Grill und ein Lastenfahrrad mit Musikanlage. Wir sprechen einen jungen Mann, sportlich, Mitte Zwanzig, darauf an und fragen ihn, warum er denn hier sei. „Weil das Wetter gut ist, ein paar Freunde dabei sind und es einfach Spaß macht.“
Das Besondere an der Aktion ist, dass es weder Organisatoren gibt, noch eine festgelegte Route.
Es gilt: Wer vorne fährt, bestimmt die Richtung. Polizisten auf Motorrädern begleiten die Radler und Mitarbeiter des Ordnungsamtes verteilen Flugblätter und suchen nach einem Ansprechpartner.
Nach einer witzigen Tour mit vielen interessanten Gesprächen kehren wir in einen Biergarten an der Stadtmauer ein. Wir beschließen, den Flugblättern des Ordnungsamtes auf den Grund zu gehen. Dafür verabreden wir einen Termin mit Uwe-André Bauer von SÖR, dem Servicebetrieb Öffentlicher Raum Nürnberg.

Erneut passieren wir die Königsstraße, dieses Mal weit weniger gestresst, von der anderen Seite her. Dann stellen wir unsere Fahrräder auf einem eigens dafür vorgesehenen Parkplatz und begeben uns in den typischen Besprechungsraum einer deutschen Behörde: weiß, Aktenschränke an den Wänden und auf den Schreibtischen Computerbildschirme aus vergilbtem Plastik, leise surren sie vor sich hin. Wir werden freundlich begrüßt und schildern unsere Eindrücke. Wir fragen nach, warum die Stadt Nürnberg nach einem Verantwortlichen sucht, und erwähnen, dass das bei der „Critical Mass“ eher Misstrauen errege und wenig mit ihrer dezentralen und nicht-hierarchischen Struktur zu tun habe. So sehen manche Teilnehmer darin vor allem den Versuch, eine Einzelperson haftbar zu machen.

Herr Bauer meint dazu: „Wir sind der Meinung, dass die „Critical Mass“ in der aktuellen Form keine Verbandsrechte in Anspruch nehmen kann. Dazu braucht es einen Verbandsführer, der aber nicht der allein Haftende ist, sondern derjenige, der die Kommunikation nach außen übernimmt und wichtige Details wie die Streckenführung klärt. Und er soll, um Gottes willen, nicht die Verantwortung für irgendeinen Blödsinn tragen, den irgendjemand anderes anstellt.“ Bauer führt einige Städte als Beispiele an, in denen die Zusammenarbeit mit den Behörden konstruktiv und unbürokratisch ablaufe. Aber leider kann man uns hier nichts weiter dazu sagen, wie Nürnberg fahrradfreundlicher werden könnte. So werden wir zu Hugo Walser vom Verkehrsplanungsamt geschickt, dessen Büro sich gleich auf der Straßenseite gegenüber befindet.

Dort erwecken Berge von Papier und aufgeschlagenen Ordnern einen geschäftigen Eindruck. Herr Walser bietet uns einen Platz an. Wir schieben einige Ordner zur Seite und beginnen unser Gespräch. Seit 1993 ist Walser der Radbeauftragte der Stadt Nürnberg. „Ich habe schon den Eindruck“, erklärt er, „dass es sich bei mancher Demonstration vor allem um eine nette Partyveranstaltung handelt, aber ich sehe durchaus den Wunsch der Fahrradfahrer, als gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer verstanden zu werden. Und – zumindest für die Dauer der Aktion -nimmt die „Critical Mass“ dem KFZ-Verkehr seine dominante Rolle.“

Für ihn, so Walser, sei es zielführender, wenn Probleme aufgelistet und per E-Mail an das Verkehrsplanungsamt geschickt werden. Und weiter sagt er: „Wenn wir diese Schreiben bekommen, dann bearbeiten wir sie auch. Und wo es möglich ist, versuchen wir Problemlösungen zu finden. Wir beantworten alles und sind froh über jede Meldung. Schon deshalb, weil ich ja selber nicht überall sein kann und nicht jeden abgesenkten Bordstein kenne.“

Zu den Forderungen, die wir bei der „Critical Mass“ aufgeschnappt haben, erwidert Walser: „Sehr viel von dieser Kritik kann ich nachvollziehen. Wenn man den Vergleich mit anderen Kommunen zieht, sieht man aber schon, was bei uns schon gelaufen, bei anderen aber noch nicht gelaufen ist.“

Der Titel „Fahrradfreundliche Kommune“ sei weniger als Auszeichnung, sondern vielmehr als Ansporn zu verstehen. Als Signal dafür, dass in der Stadt Nürnberg die Bereitschaft zu Änderungen da ist.
Doch aufgrund der mittelalterlichen Struktur des Stadtkernes sei es aber schwierig Lösungen zu finden, mit der alle Verkehrsteilnehmer zufrieden sind.

Konkrete Maßnahmen von Herrn Walser und dem Verkehrsplanungsamt sind beispielsweise besser ausgebaute Radwege an den Hauptverkehrsstraßen. Ein Zukunftsziel aber ist eine klarere Trennung von Straße, Rad- und Fußweg.

Mit diesen Informationen und einem Rucksack voller neuer Eindrücke verabschieden wir uns. Auf dem Weg vom Verkehrsplanungsamt bis zur ersten Kreuzung fällt uns auf, dass wir aufgrund der Straßenführung mindestens vier mal gegen die Straßenverkehrsordnung verstoßen haben. Wir ziehen also am Ende unserer Tour das Fazit, dass diese Stadt in den letzten Jahren dem Fahrradverkehr zwar größere Aufmerksamkeit geschenkt hat, aber immer noch sehr viel Arbeit bleibt, bis Nürnberg tatsächlich und für alle Radler eine „Fahrradfreundliche Kommune“ ist.

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Dieser Beitrag entstand im SS 2014 im Rahmen einer Kooperation der Zentrifuge (Magazin PILOT und Kreativblog ON-Index) mit der TH Nürnberg, Fachbereich Verbale Kommunikation, Prof. Max Ackermann.

1 Comment

  1. Web Hosting sagt:

    Um sich offiziell als fahrradfreundlich nennen zu d rfen, m ssen sich alle Mitgliedst dte von einer Expertenkommission testen lassen.

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