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Okt 2017 28

Phänomenologisch-transformatorische Annäherung an die klangkünstlerische Versuchsanordnung „Instant Akusmatik 2.0“ von Michael Ammann, aufgeführt im Rahmen des ZIKADEN Festivals 2017 im Kunstverein Kohlenhof, Nürnberg.

Von Michael Schels

Die künstlerische Versuchsanordnung „Instant Akusmatik“ von Michael Ammann nimmt Aspekte künftigen Forschens, das aus einem „neuen“ Bewusstsein heraus entsteht oder besser: in dieses hineinwächst, vorweg: ein definiertes Setting mit größtmöglichen Freiheitsgraden zur Erforschung unbekannter Gebiete – in diesem Fall auf den Feldern der zwischenmenschlichen Resonanz, der Wahrnehmung und des Bewusstseins. „Eigentlich ist es ganz einfach: Die beteiligten Künstler bzw. Spieler achten auf das Geschehen im Augenblick und üben ihre Intuition, Wahrnehmung und Ausdrucksmöglichkeiten in einem Klangraum, den sie gemeinsam erschaffen. Solche Echtzeitkunst wirkt entzaubernd, da sie zeigt, was ist – unsere immer aktuell gegebene Begegnung mit sinnlich und geistig erfahrbaren Phänomenen“, erläutert Ammann.

Klassischerweise ist Ammans Versuchsanordnung dem Feld der Kunst zuzuordnen, aber auch auch Fragestellungen der Psychologie, Physik, der Biologie, der Soziologie oder der Philosophie werden hier berührt.  Diese forschende Kunst führt uns die Möglichkeit, wenn nicht gar die Notwendigkeit der Verflüssigung etablierter Kategorien zur Erzeugung interdisziplinärer Perspektiven und Erkenntnishorizonte vor Augen.

Das phänomenologische Forschungsfeld von Michael Ammann entfaltet sich überwiegend im Klangraum der menschlichen Stimme, aber auch Instrumente oder Gegenstände werden auf ihre Klangmöglichkeiten hin erforscht und „erhellt“. Solcherart geschaffene Töne und Geräusche werden durch stereophon angeordnete, hochempfindliche Mikrofone so erfasst, dass sie über Lautsprecher fein nuanciert in einem holofonen Klangraum wiedergegeben werden. Der Klang wird durch hochauflösende Kleinmembranmikrofone erfasst und wie durch ein Vergrößerungsglas in den Raum projiziert. Bewegungen des Stimmgebers an den Mikrofonen sind geradezu körperlich nachvollziehbar, Klänge und Geräusche sind an bestimmter Stelle im Raum positioniert oder bewegen sich mit unterschiedlicher Intensität und Färbung analog der Bewegung des Stimmgebers an den Mikrofonen durch den Raum. Die Wahrnehmung dieses Ereignisses erfolgt mit geschlossenen Augen, der Fokus der Wahrnehmung richtet sich auf das pure, spürende Hören.

RAWK / Instant Akusmatik am 27. August 2017 im Kunstverein Kohlenhof. Nürnberg, v.l.n.r.: Julian Bossert, Uwe Weber, Michael Ammann, Barbara Kastura

BRAWK / Instant Akusmatik am 27. August 2017 im Kunstverein Kohlenhof. Nürnberg, v.l.n.r.: Julian Bossert, Uwe Weber, Michael Ammann, Barbara Kastura

Als Klangquellen fungieren mindestens zwei Akteure bzw. Spieler, die jeweils an zwei Mikrofonen im stereophonen Feld agieren und über Kopfhörer sowohl die eigene Stimme als auch die der bzw. des Mitspieler(s) erfahren. Es entsteht ein „begehbarer“ Klangraum, der von den Spielern unmittelbar erzeugt wird und der sich aus dem Hören der eigenen und der anderen Stimme(n) und Klänge heraus entfaltet.
Die Spieler „arbeiten“ in einem klanglichen Spannungsfeld und fokussieren auf Mikroklänge und unbekannte Klangobjekte (UKO´s). Jeder akustische Reiz ist von Bedeutung – sei es sprachlich, stimmlich, musikalisch oder geräuschhaft. Diese Herangehensweise stellt hohe Anforderungen an die Spieler – allesamt professionelle Musiker, Performer, Klangkünstler oder Sänger mit großer Improvisationserfahrung. Erst ihr sensibles und gekonntes Zusammenspiel macht den Klangraum lebendig und erlebbar.

Die Spieler gehen unmittelbar auf das klangliche Geschehen ein und lassen dabei nur die Stimme(n) sowie mit dem Mund oder durch Berührung mit Gegenständen oder Instrumenten erzeugte Geräusche wirken, ohne dass die Quellen noch als individuelle Äußerungen erkennbar wären. Es entsteht eine akusmatische Situation, „… der sich im Klangraum befindliche Hörer (der die Möglichkeit hat, eine Schlafbrille zu nutzen) kann sich auf produktiv-assoziative Prozesse und auf reines Hören einlassen.“ (M. Ammann).

Die Identität der Spieler scheint auf diese Weise aufgelöst oder doch zumindest in Frage gestellt – ja, die Klänge wirken so, als würden sie sich aus solch fragwürdig gewordener Identität heraus überhaupt erst entfalten: Die Spieler stellen sich der Herausforderung, möglichst gegenwärtig wirksam zu sein – bei größtmöglicher Sensibilität und Zurücknahme der eigenen Persönlichkeit (zumindest was deren konventionelle Ausprägungen betrifft). Es ist, als würden sich hoch empfindsame Seelen im Weltall begegnen und in Kommunion die Möglichkeiten und Qualitäten ihres Daseins ausloten, wenn nicht gar feiern.

Instant Akusmatik 2.0: Michael Ammann und Barbara Kastura am 25. August 2017 beim ZIKADEN Festival im Kunstverein Kohlenhof, Nürnberg

Instant Akusmatik 2.0: Michael Ammann und Barbara Kastura am 25. August 2017 beim ZIKADEN Festival im Kunstverein Kohlenhof, Nürnberg

So weit zur Versuchsanordnung im Bereich der Stimmgeber bzw. Spieler. Im Bereich der Rezipienten wird die introspektive Betrachtung klanglichen Erlebens erforscht. Der Rezipient erfährt sich im klanglichen Feld ebenso präsent wie die Akteure. Die Wahrnehmung entfaltet sich unmittelbar und gegenwärtig, da keine herkömmlich interpretierbaren Muster im Raum stehen, sondern der Klang von Sekunde zu Sekunde aufs Neue entsteht. Der Akt der akustischen Wahrnehmung tritt auf diese Weise in der Vordergrund und bietet sich als Forschungsfeld an: Welche Phänomene begegnen mir bei der Wahrnehmung dieses Ereignisses und was kann ich ggf. daraus für meine Wahrnehmung im Allgemeinen ableiten?

Zuerst einmal ist das Phänomen offensichtlich, dass mir die Klänge, die hier im Raum sind, nicht vertraut sind. Ich weiß zwar, dass diese klanglichen Erscheinungen von Menschen im Rahmen dieser Aufführung produziert werden, doch bin ich dazu angehalten und als Kunst-Rezipient auch gerne dazu bereit, von diesem Zustand abzusehen und mich rein auf das klangliche Geschehen einzulassen. Sobald mir dies gelingt (was nicht ganz einfach ist und auch seitens des Zuhörers ein Absehen von sich selbst erfordert) stoße ich auf die unmittelbaren klanglichen Qualitäten bzw. diese stoßen auf mich. Ich erfahre mich als Erfahrenden und nehme in diesem Augenblick wahr, dass „ich“ ein wahrnehmendes Organ bin, das mit Erinnerungsspuren belegt und von sprachlichen und emotionalen Mustern und Prozessen durchdrungen ist.

Die UKO´s (unbekannte Klangobjekte), d.h. die Phänomene, die mir in diesem Klangraum begegnen, scheinen nicht wie gewohnt von „dieser“ Welt zu sein, was mir meinen Hörsinn nochmals ganz neu aufschließt und mir auch mein Bewusstsein und mein Denken und Fühlen im Hören vor Augen (!) führt. Ich nehme das klangliche Ereignis wahr, bin inmitten eines klanglichen Geschehens, dem ich mich allerdings nicht eindeutig ins Verhältnis setzen kann (es ist keine Musik, der ich lauschen könnte und kein Geräusch, das in der üblichen „Realität“ zu verorten wäre) – ich befinde mich mitten in einer Vieldeutigkeit und bin darin Regisseur und Interpret zugleich.

Gerade entstehen fremdartige, beinahe bedrohlich wirkende Laute, es hat sich etwas zwischen den Klängen (sind es Geräusche, sind es Stimmen?) aufgeschaukelt, der dynamisch-dialogische Prozess zwischen den Stimmgebenden tritt in den Vordergrund, zugleich bemerke ich ein beengendes Gefühl. Welche Intentionen sind hier im Spiel, wie interagieren die Stimmgeber, wo gehen sie aufeinander ein, wo gibt wer den Ton an, welchen Grad der Sensibilität erreichen sie und welchen Grad der Sensibilität erreiche ich gerade? Wenn ich keine Quelle eindeutig zuordnen kann, so sind mir doch wenigstens die Stimmen bekannt – ich erkenne jeden der Spieler als klangliche Ursache und achte nun darauf, wer mit wem auf welche Weise interagiert. Schlagartig tritt Stille ein, der ein versöhnliches, beruhigendes Summen folgt, ich beobachte mich beim Wahrnehmen und beim Denken und bemerke, wie langsam eine beruhigende Stimmung mein Denken überflutet, als ob dieses Gefühl mir den Weg meines weiteren Denkens und Wahrnehmens weisen könnte. Ich vertraue auf dieses Gefühl und erfahre die klanglichen Eindrücke als Anregungen für zeichnerische und malerische Impulse, die nun auch meinen inneren Sehsinn anregen und modellieren.

Der Klangraum wandelt sich vor meinem inneren Auge zu einem Fühl- und Sehraum, die Klänge und Geräusche schlagen sich synästhetisch nieder und es entfalten sich Linien, Striche, Punkte, Flächen und Formen und Farben. Hier ein Tupfer-Stakkato, dort ein Strich, darüber eine Fläche, dahinter ein pulsierendes Rot. Manches davon bleibt etwas länger stehen, manches verblasst sofort wieder, anderes wird überlagert und gewandelt. In dieser Wahrnehmung eines abstrakten expressionistischen Bildraums erfahre ich hohen ästhetischen Genuss – im Spiel der synästhetischen Assoziation meiner im klanglichen Ereignis sich entfaltenden begriffslosen Vorstellung. Dann aber eben doch wieder der Begriff, der mich einholt – die Reflexion dieses Geschehens, das Denken darin und darüber und der Versuch des Verstehens. Selbst Momente der Kontemplation treten bei diesem Experiment zutage.

Ein ideeller Raum scheint in solchen Augenblicken durch den sinnlichen hindurch, es sind Energieströme, die sich offenbaren und die weit über das hinausgehen, was mir an diesem Ort und in diesem Moment begegnet. Es ist, als öffneten sich die Pforten der Wahrnehmung – es ist ein „Trip“ in die Welt der Vorstellung und des Fühlens – angetriggert durch ein klangliches Geschehen in einem künstlerisch-experimentellen Setting.

Künstlerische „Versuchsanordnungen“ wie Instant Akusmatik 2.0 von Michael Amman eröffnen neue Möglichkeiten einer verschiedenste Wirklichkeits-, Wahrnehmungs- und Bewusstseinsbereiche aufschließenden und diese integrierenden Erforschung noch unbekannter Gebiete und Weisen menschlichen In-der-Welt-Seins.

Identitäten werden verflüssigt und tiefer liegende Schichten des In-der-Welt-Seins scheinen auf. Diese tieferen Schichten rühren an unser Bewusstsein als etwas für sich und für uns Bewusstes außer und in uns.

Das, was wir als Menschen über die Jahrtausende unserer technischen, egomanischen Entwicklung ausgeblendet haben, kommt hier zum Vorschein und fordert unsere Aufmerksamkeit und unsere Fähigkeit, die Welt auf andere Weise verstehen und gestalten zu lernen. Es ist eine intuitive Wahrnehmung, die dem kosmisch sich entfaltenden Bewusstsein, das seit jeher leise in uns strömt, suchend entgegenkommt. Dieses Bewusstsein stülpt der Welt keine menschlich-eingeengten Sichtweisen und Interessen über, sondern es teilt sich von einer beseelten Welt her in lebendiger Gemeinsamkeit mit.

Künstlerisch inspirierte Forschungsfelder wie „Instant Akusmatik“ können uns dabei helfen, die Dimensionen des Bewusstseins auf intuitive Weise zu erfassen und die uns tragende und hervorbringende Welt dankend in jedem Augenblick willkommen zu heißen, so wie wir selbst in dieser Welt jeden Augenblick aufs Neue zur Welt kommen. Die Freiheitsgrade, Identitäten und Intensitäten, die hier auf uns zukommen, sind unermesslich und warten darauf, durch künstlerisches Forschen freigelegt zu werden.

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Michael Schels ist Gründer des Ideenentwicklungslabors und Kreativclusters Zentrifuge und Mitinitiator der interdisziplinären Projekte „Forschende Kunst“ und „Engineering 2050“.

Der gesamte, etwas umfangreichere Text steht auch –> als PDF zum Download zur Verfügung.

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