Ein Kommentar mit Blick auf die gegenwärtige kulturelle Situation
Von Harald Tesan
Wenn Kuratoren oder Direktoren von Kunstsammlungen morgens “ihr” Museum betreten, sehen sie in Gedanken ihr eigenes Konterfei als Bronzebüste im Eingangsbereich stehen. Zu diesem etwas klischeehaften Schluss mussten wohl die Zuhörer bei der Auftaktveranstaltung des IHK-Kulturforums am 1. Dezember 2010 in Nürnberg gekommen sein. Trotz heftigen Schneegestöbers hatten sich mit einiger Verspätung relativ viele Besucher im Auditorium des Neuen Museums eingefunden, um etwas über Konzepte des Sammelns, sowohl im öffentlichen als auch im privaten Bereich, zu erfahren.
Dem Eingangsappell von Moderatorin Kathleen Rahn (Direktorin Kunstverein Nürnberg – Albrecht Dürer Gesellschaft), nicht in das übliche “Namedropping” zu verfallen, wollten die entspannt plaudernden Kunstfachleute nicht gerecht werden. Im Gegenteil: ergötzten sich doch bald alle auf dem Podium am munteren und völlig sinnentleerten Aufzählen prominenter Künstler, mit dem man meint, am Ruhm anderer teilhaben zu müssen und mit dem man sich den nötigen Respekt vor denen verschafft, die beschämt feststellen, von jenen Namen noch nie etwas gehört zu haben.
Hatten es die interviewten Gäste denn nötig, durch permanente Inanspruchnahme anderer Autoritäten ihre eigene Fachkompetenz unter Beweis zu stellen? Wohl kaum.
Ulrike Groos nicht, auch wenn sich die vormals im Rheinland erfolgreiche Ausstellungsmacherin als Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart und damit als Leiterin eines großen Hauses mit eigener Sammlung noch bewähren muss. Erst recht nicht der einem breiteren Publikum als Diskutant aus der 3sat-Fernsehreihe Bilderstreit bekannte Stephan Berg, der sich als Kurator innovativer Themenausstellungen zur Gegenwartskunst profilierte und seit 2008 Intendant des Kunstmuseums Bonn ist. Und sicher auch nicht Bärbel Kopplin, die als nüchterne Managerin der HypoVereinsbank-Kunstbestände diverse Vorstandschefs kommen und gehen sah und selbst über die Jahre hinweg sattelfest blieb.
Schade, dass von den genannten Interviewern und Interviewten an diesem Abend nicht so recht ein inspirierender Funke überspringen wollte. Man hätte ja nicht gleich philosophisch werden und das “Sammeln als Kulturtechnik” beleuchten müssen. Aber hätte man nicht das Sammeln als solches kritisch hinterfragen dürfen? Wo blieben bei dieser netten Plauderei aus dem Nähkästchen die Visionen und zukunftsträchtigen Konzepte? Von Sinn und Unsinn des Sammelns beim ersten von der IHK-Kulturstiftung initiierten Forum keine Rede! Kein Wort davon, dass sich Kuratoren mit öffentlichen Mitteln nicht selten eigene Denkmäler errichten, ohne Rücksicht darauf, dass jede Generation “ihre” Kunst hat und die Nachfolgenden sich eventuell nicht mehr für die überquellenden Museumsdepots interessieren.
Die Fragen des anderen Moderators, Manfred Rothenberger, gingen bisweilen zwar in die richtige Richtung. Nur packte der Direktor des Instituts für moderne Kunst Nürnberg viel zu viele Fragen in eine, als dass sie wirksam das Gegenüber erreicht hätten. Weil die Brisanz der Fragestellung auf diese Weise verloren ging, konnte etwa Stephan Berg, der sich verblüffend konventionell über August Macke und die Bedeutung der “Farbmaterie” als Sammlungsschwerpunkt in Bonn ausgelassen hatte, eine Antwort auf die berechtigte Frage schuldig bleiben, wie es denn gelingen möge, ein jüngeres Publikum in die oft notorisch leer stehenden Glastempel zu locken.
Um nur ja keine (falschen?) Vergleiche aufkommen zu lassen, wurden Probleme, die sich am Austragungsort von “Museum im Dialog” (so das Motto des Abends) hätten entzünden können, von vorneherein ausgeklammert. Mit keiner Silbe wurde in dieser geistig wenig tief schürfenden Runde ― was doch nahe gelegen hätte ― auf die Situation von Museen und Sammlungen in Nürnberg eingegangen. Das erstaunt umso mehr, als die Kunstvilla im KunstKulturQuartier April 2011 just eine Ausstellung unter dem Titel “Die Kunst des Sammelns“ präsentieren wird.
Nur einem notorischen Nörgler und bösartigen Pessimisten möge die abendfüllende Aufzählung der jeweiligen Erfolge in Bonn, München, Stuttgart oder St. Georgen als eine indirekte Kritik an Nürnberg erscheinen! Bei der blieb es dann doch nicht ganz in der vorweihnachtlichen, watteweich verschneiten Christkindlesmarktstadt. Zum Glück war da ja noch der couragierte Privatsammler Thomas Grässlin. Der pochte auf Förderung von Bildung, hielt Qualitätskriterien hoch und erteilte allzu blauäugigen Illusionen eine Absage.
Mit Blick auf die wie Pilze aus dem Boden schießenden Museen sah es Grässlin als bedenklich an, Modelle, die sich andernorts in der Vergangenheit bewährt hätten, einfach überallhin übertragen zu wollen. Der Sammler aus dem Schwarzwald war der einzige in der Runde, der seinen eigenen Stand (eben den der Sammler) einen Moment lang in Frage stellte. Sein engagiertes Plädoyer für traditionelle bildungsbürgerliche Werte wirkte inmitten der sonst emotionslos verstreichenden beiden Stunden erfreulich authentisch und darüber hinaus erstaunlich zeitgemäß. Etwa, wenn Grässlin davor warnte, die kulturelle Verantwortung des Staates ganz in die Hände privater Investoren zu übergeben. Zugleich beurteilte Grässlin die beliebte, vielfach wahllos vorgenommene Zwischennutzung von Leerständen durch “Kultur” skeptisch.
Wie wahr, wie wahr: Was in Leipzig vor zehn, fünfzehn Jahren unter ganz spezifischen kulturhistorischen und -politischen Voraussetzungen funktioniert hat, muss sich nicht zwangsläufig in Nürnberg unter anderen gesellschaftlichen und konjunkturellen Vorzeichen wiederholen. Ein Umstrukturierungsprozess nach dem Vorbild der Londoner Docklands oder den ehemals vernachlässigten New Yorker Stadtvierteln Brooklyn Hights oder Queens wird in Nürnberg, falls überhaupt, nur organisch einsetzen. “Gentrification” (eine Aufwertung von Industriebrachen und Glasscherbenvierteln mittels Inbesitznahme durch Künstler und Intellektuelle) lässt sich nicht völlig am Reißbrett vorkonstruieren. Die angestrebte soziokulturelle Klimaverbesserung hat nur eine Chance, wenn es dauerhaft gelingt, wirklich kluge Köpfe vor Ort zu bündeln. Solche, die eigene, mitunter unbequeme Akzente setzen und nicht nur versuchen, es in Nürnberg “genauso” zu machen.
Vertreter von Industrie und Handel lieben es, mittels Powerpoint-Präsentation “Entwicklungen” anhand von eingängigen graphischen Schaubildern zu prognostizieren. Sie vertrauen gern auf 1:1 umsetzbare Rezepte, deren Anwendung rasch in Zahlen messbare Erfolge versprechen. Die Hochschulen haben sich dem Erwartungsdruck der Wirtschaft gebeugt und versuchen gegenwärtig, den stromlinienförmigen, schnell einsetzbaren (und damit ebenso rasch verschlissenen) Wissenschaftlertypus zu generieren. Die eilig eingeführten Bachelor-Studiengänge bemühen sich seither um so etwas wie die akademische Eier legende Wollmilchsau. Sie produzieren … Kulturwirte statt Geisteswissenschaftler.
Mit so genannten “weichen Standortfaktoren” hat vor zehn Jahren schon beinahe jeder Provinzbürgermeister geworben. Dass diese in Wirklichkeit sehr harte sind, ist inzwischen sämtlichen Kulturreferentinnen und -Referenten in der Metropolregion dringend bewusst. Damit die von einschlägigen amerikanischen Studien ermittelten Mechanismen der “Kulturwirtschaft” aber auch bei uns greifen, bedarf es eines offenen Diskurses. Dieser muss a l l e n Mitgliedern der Gesellschaft offen stehen ― auch und im Besonderen den kreativen Eliten.
Mit den berühmten Warnungen vor dem “Elfenbeinturm” (gibt es denn einen solchen in Nürnberg?) glauben viele Vertreterinnen und Vertreter von Kulturinstitutionen der Bevölkerung in der Metropolregion weiterhin nach dem Mund reden zu müssen. Einem geistig-kulturellen Vorankommen in ihrem Zuständigkeitsbereich tun sie damit keinen Gefallen. Denn die Menschen in und um Nürnberg sind vielleicht nicht klüger, keinesfalls aber dümmer als andernorts. Vielleicht wurden sie in der Vergangenheit nur erfolgreicher zu kulturproletarischer Naturbelassenheit ermuntert.
Gehört Kulturkritik (im Gegensatz zum in dieser Hinsicht hoch entwickelten Frankreich) in Deutschland allgemein zu den eher stiefmütterlich behandelten Disziplinen, so steht es damit gerade in Nürnberg nicht zum Besten. Und das ist noch euphemistisch ausgedrückt. Ein Feuilleton, das diesen Namen verdient, gibt es hier streng genommen nicht. Das, obwohl (oder gerade weil?) eine große fränkische Tageszeitung alljährlich mit der Vergabe hoch dotierter Kunstpreise auf ihre kunstrichterliche Kompetenz aufmerksam macht.
Dass sich innerhalb einer geistig ausgemagerten Atmosphäre keine fette Klientel von Sammlern bilden kann, liegt auf der Hand. Am Geld allein liegt es sicher nicht, denn von dem ist sogar in Franken eigentlich genügend vorhanden. Aber wo potentielle Privatsammler mit ihrem Geschmacksurteil weitgehend allein auf weiter Flur stehen bleiben, fahren sie lieber in andere Großstädte, um sich umzuschauen. Dort fühlen sie sich kompetenter beraten und kaufen deshalb lieber ein.
Zugegeben, die meisten der ca. 30 im Großraum ansässigen Galerien führen fast alle das gleiche überschaubare, hiesige Künstlersortiment im Angebot, tragen von daher nicht wesentlich zu einer spannenderen Marktsituation bei. Aber immerhin wissen diese bescheiden überlebenden Galeristinnen und Galeristen, wie nötig die Pflege lokaler Talente ist. Es genügt eben nicht, sich mal hier mal dort nach “Newcomern” umzuschauen, zu erkunden, wie “Shootingstars” in Zürich, Berlin oder München für Furore sorgen und es mit ihnen dann sporadisch ebenso in Nürnberg zu probieren.
Um zum eigentlichen Thema zurückzukehren: Eine Diskussion ist ein mehr oder weniger spontan geführter Austausch zwischen Gesprächspartnern über unterschiedliche Standpunkte und Ideen. Eine solche anzuregen, ist beim gemütlichen, aber an Perspektiven armen ersten IHK-Kulturforum im Dezember 2010 nicht gelungen. Zeitraubende und nervige Fragen aus dem Publikum hat die zum Schluss als Gastgeberin noch einmal freundlich ans Mikro tretende Angelika Nollert (Direktorin Neues Museum Nürnberg) gar nicht erst zugelassen. Die geladene Öffentlichkeit war als Applausspenderin willkommen, blieb aber als Diskurspartnerin bei “Museum im Dialog” außen vor. Hätte sie etwa an der Patina irgendeiner Bronzebüste gekratzt?
Die jüngste Initiative der IHK-Kulturstiftung, eine Plattform für den Dialog zwischen Wirtschaftsvertretern und Kulturschaffenden einzurichten, ist sehr zu begrüßen. Nur sollte diese keine Bühne für die zeitraubende und letztlich nutzlose Selbstbespiegelung der Protagonisten abgeben. Sie sollte vielmehr zu konstruktivem Meinungs- und Informationsaustausch genutzt werden. Gefordert ist ein an Inhalten orientierter Diskurs, der sich den aktuellen globalen Herausforderungen ebenso stellt wie den ganz konkreten Sachproblemen vor Ort. Soll es nicht nur bei wohlmeinenden Lippenbekenntnissen bleiben, muss man nach Diskutanten Ausschau halten, die sowohl den Horizont haben als auch willens sind, das Kleine mit dem Großen in Vernetzung wahrzunehmen.
Selbstzufriedenheit hat auf Dauer noch niemanden weiter gebracht. Dass mit geistig wenig belastender Schonkost am Abend ein Erkenntnisgewinn ― und damit eventuell ein nachhaltiger wirtschaftlicher Erfolg ― einhergeht, darf bezweifelt werden. Um tatsächlich “programmatische Akzente” zu setzen (so im Titel eines im Auftrag erstellten Berichtes über die Veranstaltung von Eva Schickler in: WiM – Wirtschaft in Mittelfranken 01 / 2011, S. 20-21) wird man künftig nicht umhin kommen, (selbst)kritischere Töne im Umgang mit dem Thema Kultur in der Region anzuschlagen.
(Harald Tesan ist promovierter Kunsthistoriker und lehrt dieses Fach an der Universität Passau. Er lebt und arbeitet in Nürnberg, wo er seit Jahren zugleich als freier Publizist und Kunstberater tätig ist).



