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Dez 2017 13
Social Justice Warriors: Aus den richtigen Gründen zu den falschen Mitteln greifen?
Eine Reportage von Ebru Cebeci, Boris Gavrilović und Sarah Guber

„Wenn du deinem Kind geschlechtsspezifische Namen gibst, entscheidest du sein Geschlecht für sie. Das ist richtig krank!“
„Weiße Leute dürfen keine Kreolen-Ohrringe tragen. Denn die wurden von Schwarzen erfunden.“

Postings und Kommentare wie diese stammen von sogenannten Social Justice Warriors. Abgekürzt: SJW oder auf Deutsch: „Kämpfer der sozialen Gerechtigkeit“. Diese Warriors tragen ihre Schlachten in sozialen Netzwerken aus. In Blogs, Foren und Tweets kämpfen sie gegen Diskriminierung und Rassismus, für Gleichberechtigung, Feminismus und andere gesellschaftlich relevante Themen.

Das klingt erst einmal nobel. Doch es gibt viel Kritik daran. Denn gehen die selbsternannten „Krieger des Netzes“ bei ihrer Argumentation nicht auch oberflächlich und feindselig vor? Gehen bei ihren Einwänden nicht selten Emotionen vor Logik? Und: Ist immer so klar zu trennen, ob SJWs jetzt aus Überzeugung handeln oder sich nur selbst bestätigen wollen?

Feindbild und Übertreibung
Dass manche Social Justice Warriors gerne übertreiben, zeigt die Erfahrung eines Users der Internetplattform Tumblr: Auf seinem Blog berichtet er, nachts alleine spazieren gegangen zu sein. Und ein SJW kommentiert das Folgendermaßen: „Natürlich kannst du es genießen, nachts bedenkenlos einen Spaziergang zu machen. Du bist ja ein Mann! Hör auf, dein verdammtes Privileg zur Schau zu stellen, nur weil du vom Patriarchat profitierst.“

Mit „Privilegien“ im Zusammenhang mit dem „Patriarchat“ zu argumentieren, ist sehr beliebt unter den SJWs. Damit sprechen sie die, ihrer Meinung nach, ungerechten Vorteile an, die sich aus Geschlecht, Ethnie, Sexualität oder Religion ergeben. Und weil sie am meisten von den Umständen profitieren, sind weiße, heterosexuelle Männer das ideale Feindbild.

Der Tumblr-User fragt, ob diese Antwort auf sein Posting wohl ein Witz sei. Und ein Streit nimmt seinen Lauf: „Schön, dass du darüber lachen kannst, dass du dir unsere Vergewaltigungs-Kultur zunutze machst.“ Richtig in Rage gerät der „Keyboard Warrior“ allerdings, als der User auch diesen Angriff mit Humor nimmt. „Du denkst, das ist lustig? Mach das nächste Mal einen Spaziergang über die Autobahn, du verdammtes Schwein.“

Gewalt und Meinung

Ein besonders extremes Beispiel für die Aggressivität von SJWs bietet der Fall von Ashley Rae. Unter dem Namen „Communismkills“ betreibt sie einen rechts-konservativen Blog auf Tumblr. Die Lage eskalierte, nachdem Ashley 2014 ein ironisches Gedicht über die Erschießung des afroamerikanischen Schülers Michael Brown in Ferguson, Missouri veröffentlichte. Zwei SJW-Blogger gingen daraufhin zum Angriff über und posteten Ashleys persönlichen Daten: ihren Facebook-Account, ihre Handynummer, Informationen über ihre Arbeitsstelle, sowie die Adresse ihrer Eltern. Dieses Vorgehen nennt man „Doxing“.

Aber damit nicht genug: Im „Namen der Gerechtigkeit“ wurde dazu aufgerufen, Ashleys Haus in Brand zu stecken. Und unter den Tausenden von Drohungen, die auch an ihre Mutter gingen, wünschten viele den beiden, vergewaltigt, gefoltert und ermordet zu werden.

Höflichkeit und Diskussionskultur
Hier gingen Social Justice Warrior gegen rechtes Gedankengut vor, überschritten aber jede Grenze. – Sarah N.* aus Osnabrück verhält sich anders, auch wenn sie ebenfalls im Netz aktiv ist: Bevor sie anfängt zu argumentieren, bietet sie ihrem Gegenüber erst einmal einen Sitzplatz an. Im virtuellen Raum ebenso wie im realen.

Vor einem Jahr hat die 30-Jährige begonnen, im Internet gegen Hasspredigten und Falsch-Aussagen vorzugehen. Ihr Motto dabei: „Mit Sachlichkeit, Einfühlungsvermögen und Höflichkeit erreicht man viel mehr – vor allem viel mehr Menschen.“

Sarah ist hauptsächlich auf Facebook unterwegs. Dort sucht sie beinahe täglich nach Einträgen mit rassistischen oder rechtsextremen Aussagen. „Bevor ich Katzenvideos angucke, nehme ich mir lieber eine Stunde Zeit, um zu schauen, was ich kommentieren oder widerlegen kann. Ich bin nicht in vielen Vereinen oder Verbänden, doch so habe ich trotzdem das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Denn: “Auf die Straße gehen”, geschieht heute vor allem im Internet.“
Dabei geht es ihr nicht darum, die Hetzer selbst zu überzeugen. „Es gibt ja viel mehr Menschen, die bloß mitlesen, als solche, die wirklich hetzen. Das Problem ist, dass die Menge an Hetzern den Eindruck erzeugt, dass es da draußen niemand anderen gibt. Niemand, der ihnen widerspricht.“ Genau hier schreitet Sarah ein und klärt auf. Doch anders als ihre „Gegner“ übt sie Geduld und gibt seriöse Quellen an.

Einer der Gründe, wieso Sarah sich im Netz engagiert, ist ihre Mutter: „Vor zwei Jahren hat sie das erste Mal einen eigenen Computer bekommen und sich auf die Argumentation rechter Hetz-Seiten eingelassen. Am Anfang bin ich noch gut zu ihr durchgedrungen, aber irgendwann habe ich sie verloren.“

Im Netz oder auf der Straße
Im Gegensatz zu Sarah setzt Fabio Langbein sich außerhalb des Internets für soziale Gerechtigkeit ein. Als Mitglied des linken Jugendverbands SDAJ nimmt er an Demonstrationen teil. Dort spricht er mit Gleichgesinnten, aber auch mit Menschen, die nicht seine Meinung teilen. „Ich habe schon öfters Menschen überzeugen können, auf Demos zu gehen. Es war also nicht nur heiße Luft.“

Viel Zeit für das Internet nimmt sich der 19-Jährige nicht, unter anderem, weil er ungern Kommentare liest. „Bevor ich mir 100 Kommentare auf Facebook durchlese, kann ich Besseres mit meiner Zeit anfangen. Ich halte mich bei Online-Diskussionen zurück, denn da kommt meistens sowieso nichts Konstruktives raus. Zu viele sind nur auf ihre Meinung fixiert.“

Doch nachdem Fabio von Sarahs Netz-Engagement hört, bewertet er es trotzdem positiv: „Ich halte das für einen sehr sinnvollen Weg. So etwas könnten echt mehr Leute machen, vor allem Leute, die sowieso viel auf Facebook sind.“

Wut, Angst und Empathie
Beispielhaft dafür ist die Facebook-Gruppe #ichbinhier mit – im Sommer 2017 – fast 35.000 Mitgliedern. Diese Gruppierung gibt Menschen wie Sarah Rückendeckung: Denn mit dem Hashtag „ichbinhier“ kann sie Gleichgesinnte zu Hilfe rufen, wenn es besonders kritisch wird.

„In dem Moment, wo ich sachlich und freundlich bleibe, habe ich eine Art Schutzschild.“ Genau an diesem Punkt unterscheidet sich Sarahs Netz-Aktivismus von den Intentionen eines ausgewachsenen Social Justice Warriors: Während Sarah in aller Ruhe das Gespräch sucht, hält der SJW sich gleichsam die Ohren zu und brüllt. Schreit heraus, was er gerade fühlt.

Allerdings gesteht Sarah, dass auch bei ihr Gefühle im Spiel seien: „Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, ich würde da keine Befriedigung draus ziehen. Es ist schon ein gutes Gefühl, Recht zu behalten. Das gilt auch für unsere Seite.“

Und zum Abschluss unseres Gesprächs meint sie dann: „Am Ende des Tages steckt ganz viel Angst dahinter. Angst ist ein unglaublich mächtiger Antrieb. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, wäre es, dass Leute sich stärker in die Position von anderen hineinversetzen: mehr Empathie, mehr Vertrauen zueinander und ein bisschen mehr Glauben an das Gute. Das würde schon vieles bewirken.“

* möchte nicht genannt werden. Aber der Name ist der Redaktion bekannt.

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Dieser Beitrag entstand im Sommersemester 2017 im Rahmen einer Kooperation der Zentrifuge (Magazin PILOT und Kreativblog ON-Index) mit der Technischen Hochschule OHM Nürnberg, Fachbereich Verbale Kommunikation, Prof. Max Ackermann.

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