Kunst und Kunst0
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I. Kunst heute
Kunst ist heute ein besonders wichtiger Gegenstand der philosophischen Reflexion, und ich betone, der philosophischen Reflexion, denn es soll hier weder um Kunsttheorie, noch um die kunstwissenschaftliche oder Kunstgeschichte gehen, sondern um eine eher kulturphilosophische Betrachtung – und hier nun sollte man einmal näher das Phänomen betrachten, dass heute ja offenbar schon fast jeder Kreative zum Fach der bildenden Kunst gewechselt ist.
Man kann geradezu darauf wetten, dass es demnächst mehr Maler, Fotografen, Bildhauer Performer und Situationsdesigner geben wird,als Menschen die, sagen wir – aus reinem Interesse, ein Buch in die Hand nehmen. Und mit dem Publikum ist es ähnlich. Bibliotheken werden heute massenweise geschlossen, etwa in Berlin, wo man verzweifelt ehrenamtliche Kräfte für rund 50 Stadtteilbibliotheken sucht, in die keiner mehr geht. Dafür aber werden ehemalige Fabrikhallen landauf landab zu schicken Ateliergebäuden und Künstlerwohnungen umfunktioniert, Kaufhäuser mutieren zu Ausstellungshallen, Kunst hat längst, wie man so schön sagt, die Dörfer erobert. Sie wandert in alle Sozialbereiche, von der Musiktherapie bis zum erkenntnisstiftenden Malen und vom kreativen Stadtteilladen zur ästhetisch fundierten Ichsuche – in einem Zeitalter, in dem heute fast jeder auf einem Feld unterwegs ist, das man mit dem Motto eines gerade populären Buches umschreiben kann: „Wer bin ich und wenn ja wie viele?“ (- übrigens eine alte Sentenz der postmodernen Philosophie, die vor rund zwanzig Jahren auf die Fragmentierung der Persönlichkeit durch den Druck der New Economy hinwies.)
Bildende Kunst also, von der Biennale bis zur Sparkassenfiliale, ist heute das große gesellschaftliche Engagement, die anerkannte Form der Selbstreflexion, lange vor dem Tagebuch- und Briefeschreiben, und wer weiß, selbst vor dem Bücherlesen! Seit dieser Woche laufen die mittelfränkischen Kinder- und Jugendkulturtage unter dem Titel „Mischen“. Man solle sich „einmischen“, steht in der Ankündigung zu lesen, aber beileibe nicht etwa in die Politik, vielmehr soll man den Pinsel in die Hand nehmen und sich in einzelnen Abteilungen einmischen, engagieren, die aufgeteilt sind in mitmischen, vermischen und abmischen. So stellt sich der bildende Künstler die Kultur vor, dachte ich, alle malen und wer noch nicht malt, redet übers Malen. Und wenn Habermas seit Jahren darüber klagt, dass die bürgerliche Öffentlichkeit stirbt, so kann man ihm heute entgegnen: Die literarische Öffentlichkeit, die Zeitungsfeuilletons und die Dichterlesung, die sterben vielleicht, die Öffentlichkeit der bildenden Kunst dagegen wächst ins Ungeheure, die Vernissage hat dem Gottesdienst längst den Rang abgelaufen und die bildenden Künstler sind so etwas wie die Heiligen unserer Zeit – ja und man muss fast angstvoll fragen, ob das Zeitalter der Globalisierung und der New Economy überhaupt noch andere Heldenrollen und Identifikationsmuster anbietet: Ingenieur und Erfinder sein, Arzt sein, Atom-Physiker sein, Revolutionär sein, Politiker sein, religiöser Führer sein, wer will das heute noch! Erst neulich wurden die Banker von ihren Denkmälern geholt.
Die Kunst dagegen, diese unschuldig schöne Mischung aus talentierter Betätigung, anspruchvollem Arbeiten, Sektempfang, Gespräch und Werbung – das scheint es doch zu sein, der Vorschein des geglückten Lebens als Geschäft. Vor allem bildender Künstler sein! Wobei es als ernst zu nehmenden Konkurrenten allenfalls noch das Musikleben in Franken gibt. Aber zu malen, zu performen, Kunstfilme zu drehen, einen Katalog zu machen, seine Fabrik den Künstlern zu öffnen, das rechtfertigt heute das Dasein, und es ist neben dem Reisen die angestrebte Lebensform einer Gesellschaft, die früher jedenfalls auch andere Götter kannte…
Ansonsten gibt es längst bürokratische Formen, die den Künstler als Massenphänomen ernst nehmen, die Künstlersozialversicherung und die Kunstetats der europäischen Kunstfonds bis hinunter zum Fonds jeder Gemeinde und Sparkasse sind nur die deutlichsten Indizien. Ästhetische und schöpferische Reflexionen breiten sich aber als Lebens- und Arbeitsform sogar in den Unternehmen selber aus. In einer gerade entstehenden Doktorarbeit, die ich betreue, wird das „Unternehmen als Werk“ behandelt – und hier ist nicht vom Kalkwerk oder einer Fabrik die Rede, sondern von der schöpferischen Arbeit der Unternehmerpersönlichkeit, die mit einem Künstler vieles gemein hat, ringt sie doch letztlich auch irgendwie mit dem Elementaren.
Es ist also vielleicht tatsächlich bereits gar nicht mehr so waghalsig, zu behaupten, nicht mehr die Philosophen, Priester oder Politiker, sondern die Künstler reflektieren heute die Welt, jedenfalls in Frankreich, Italien, England und Deutschland und Österreich. Künstler sind es auch, die interpretationsbedürftg und kommentarbedürftig in der Öffentlichkeit stehen, Künstler sind es, die ästhetische Botschaften gewissermaßen für die Kunst-„Gemeinde“ aussenden und deren Deutung der Kunstredner gewissermaßen als der Erbe des Kanzelredners und Bibelauslegers besorgt. Vornehmlich Sonntags um 11 – zur normalen Gottesdienstzeit..
Fragt man, warum sich die Künstler gegenüber anderen identitätsstiftenden Mustern als so seltsam wachstumsfähig erwiesen haben, ja warum sie sich, wenn auch auf finanziell oft bescheidenem Niveau als Existenz-, Heils- und Anspruchsform unserer Gesellschaft geradezu zur Massenerscheinung ausgeweitet haben, dann verwundert man sich noch mehr, wenn man an den altehrwürdigen Anspruch der Kunst denkt, der mit Masse und „Markt“ am Besten gar nichts zu tun haben wollte. Der anspruchsvolle Künstler hält sich fern vom Markt, lautete bis vor einer Generation das Credo der Akademien. Kunst – ihrem emphatischen Begriff nach – will gerade nicht das marktreife Produkt talentierten Arbeitens für zahlreiche Käufer zustande bringen! – „Winke und Weisungen sind die Sprache der Götter“, heißt es bei Hölderlin. Kunst, große Kunst jedenfalls, habe zu sein wie die Sprache der Götter. Was ist ein Wink? Etwas Ambivalentes würden wir vielleicht sagen, ein Orakel der Mitteilung, etwas, aus dem archaische Muster, Hinweise auf elementare Größen ableitbar sind – in Andeutungen, Mehrdeutigkeiten, die dem Betrachter, wie Kant noch ganz trocken und klassisch in der Urteilskraft sagte, „viel zu denken geben“ und wofür es daher eben Ausleger braucht, einen der die Sprache der Götter und seiner Heiligen, wenn schon nicht versteht, so doch zumindest ahnungsvoll erläutert.
II. Kunst klassisch
Der klassische Künstler ist also anspruchsvoll, ja der Anspruch markiert ihn geradezu – und er ist – das folgt aus diesem anspruchsvollen Selbstverständnis – jedenfalls kein Massenphänomen. Der Künstler ist ein einzelner – und in der Romantik (nehmen wir Schopenhauer) wird dies geradezu auf die Spitze getrieben. Kunst ist in der philosophischen Betrachtung der „Welt als Wille und Vorstellung“ zwar nicht mehr Götterwink, aber doch immerhin eine „eigenständige Erkenntnisart“ der Welt (die höchste Form ist die Musik als reines Formwollen und Willensausdruck, darunter stehen aber gleich Malerei und Bildhauerei als Erkenntnisarten der idealen Größen.) Der Künstler ist bei Schopenhauer also zwar nicht mehr ganz und gar Genie, aber er „hat“ immerhin noch Genie, d.h. er hat eine Art inneren Bezug zum Genius.
Und auch der Genius ist ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal des Künstlers. In der Antike war Genius der Gott, den jeder bei seiner Geburt im Kopf als Göttergeschenk mitbekam. Er wird dargestellt als geflügelter Knabe, eine Art Peter Pan, der nicht älter wird und jugendliche Fähigkeit der Kreativität für ein ganzes Leben mit sich bringt. Dem Genius bringen wir an unserem Geburtstag ein Opfer – und zwar Kuchen und Wein, weil Genius als geistiges Wesen Blut verabscheut. Fassen wir uns bei der Suche nach einem Gedanken an die Stirn, so ist das die in der römischen Kultur noch verbürgte Beschwörungsgeste für Genius, der auftauchen möge.
Der Mensch der Antike stellte sich also vor, er sei geniusgeleitet. Er dachte zumindest an einen Genius, der weiter half, wenn man ihn nicht verrät, wie das viele ja leider tun. Giorgio Agamben, der venezianische Kunstphilosoph, behauptet, Genius sei das, was die Person gewissermaßen von ihrer Konstitution her ausmache, Geschlecht, Kraft, Nervenstärke, gewisse Begabungen und Neigungen, Fehler und Stärken, Züge jedenfalls, die man als unhintergehbar bezeichnen kann. Wer seinen Genius betrügt, wer also gegen Konstitution oder Neigung aus allerlei Rücksichten oder um des Überlebens willen Ziele verfolgt, die nicht auf der Linie seines Genius liegen, der wird scheitern, oder sich zu einem mediokren Daseinskreislauf verdammen. Der „Künstler“ allein folgt seinem Genius, er hat es geschafft, ihn zum Verbündeten zu machen (neudeutsch einen „positive flow“) zu erzeugen und so wie es Unglück bringt, seinen Genius zu betrügen (genium suum defraudare) so bringt es gewissermaßen Glück, wenn man ihn zum Verbündeten hat, man entwickelt ein überragendes Können, man erzeugt Staunen. Genius ist also die in manchen Menschen wirkende, immer junge Kraft der Schöpfung, die wir heute gern als „Kreativität“ bezeichnen und die eben deswegen schon per Definitionem nicht alle haben, sondern nur manche.
Kreativität ist ursprünglich also kein Massenphänomen! Sie ist sogar sehr exklusiv gedacht – als eine Kunst, mit seinem Genius zurecht zu kommen, als eine Form der richtigen Lebensführung, die den Genius nicht betrügt. Nach manchen Auffassungen, etwa Nietzsches, kann man von seinem Genius auch gejagt werden. Kreativität ist kein genussvolles Zuckerschlecken, keine Form der sozialen Wellness, sondern gelegentlich eine Last, die den Menschen, der Genie hat, auch zertrümmern kann. Vom ewigen Kind Mozart, das an seinem Genie zugrunde ging, weil der Mensch Mozart einfach zu anstrengend für seine Umgebung wurde, bis zum ewigen Kind, dem gerade verstorbenen King of Pop, der sich – vielleicht solche Zusammenhänge ahnend – ein halbes Leben lang mit Peter Pan verglichen hat.
Der Künstler, den Schopenhauer oder Nietzsche entwerfen, ist also eine Einzigartigkeit, eine Ausnahme, ein Ideal, sagen wir ruhig, es ist ein elitärer Entwurf. Künstler ist nicht einfach der talentierte Jedermann, sondern der Fall des Staunens, der herausragenden Begabung und der höchsten Anforderung. Er muss – sozusagen neben seinem Talent zur Form – gewissermaßen auch ein Erkennender sein, einer, der die Welt durchschaut, der sich nicht vom „Schleier der Maja“ (nach Schopenhauer der schimmernde Hauch der Oberfläche) verleiten lässt, kreativ mitzuarbeiten – vielleicht sich ein paar Pinsel zu kaufen und auch zu malen – etwa so ähnlich wie die anderen oder so ähnlich wie ein verehrter Lehrer. Der Künstler Schopenhauers ist vielmehr einer, der gewissermaßen seine Wahrheit erkennt und im Zweifelsfall auch gegen den Strom, der ihn verneint, tapfer weitermarschiert. In Nietzsches Zarathustra, der Schopenhauer viel verdankt, finden wir sozusagen die Grundformel dieses Anspruchs .
Zarathustra spricht den werdenden Künstler an:
“O meine Seele, ich erlöste Dich von allen Winkeln, ich kehrte Staub, Spinnen und Zwielicht von Dir ab, ich wusch die kleine Scham und die Winkeltugend von Dir ab und überredete Dich, nackt vor den Augen der Sonne zu stehen. Mit dem Sturm, welcher Geist heißt, blies ich über Deine wogende See, alle Wolken blies ich davon, ich erwürgte selbst die Würgerin, die Sünde heißt. Ich gab Dir das Recht, nein zu sagen wie der Sturm und ja wie der offene Himmel ja sagte. Still wie Licht stehst Du nun und brichst auf und gehst ab nun durch die Dich verneinenden Stürme.”
In den Augen des Kunst-Platonismus, aber auch schon bei Kant und Hölderlin, verfolgt der Künstler Ideale und drückt sie aus. Etwa die Ideale des Wahren, Guten und Schönen. Die Haltung des Künstlers trägt in diesem Kunst-Platonismus geradezu einen antikulturellen Reflex, denn je anspruchsvoller er ist, desto mehr muss er natürlich Kritiker seiner Zeit sein und ist die Zeit besonders fragwürdig, dann wendet er sich auch besonders elitär von ihr ab, bis hin zur berühmten Ekelreaktion D’Annunzios oder Jean Paul Sartres. [1]
III. Der Vergleich und eine Geste
Wenn wir diesen alten, elitären Anspruch, der ja heute durchaus noch spürbar ist, mit dem heutigen Massenphänomen „Kunst“ vergleichen, dann müssen wir doch von einem gewaltigen Unterschied reden. Der Künstler als Massenphänomen steht kaum mehr gegen seine Zeit. Viel eher schon schwingt er in ein allgemeines Kreativitätsklima ein. Es geht ihm auch offenbar gar nicht mehr um Erkenntnis, Durchschauen der Welt oder tapferes Abarbeiten seiner vom Genius aufgegebenen Last. Viel eher geht es ihm schon um das, was Habermas einst als „ästhetischen Diskurs“ bezeichnet hat, um eine Form des Mitmachens im bunten Haufen der kreativen Stichwortgeber nach dem Motto – hier das Sektglas, dort das Bild und dazwischen der politische Dialog.
Diesen Zustand könnte man als Apotheose der Demokratisierung der Kreativität bezeichnen, etwa nach dem Beusschen Motto: jeder ist ein Künstler. Und auch wenn Beuss damit bestimmt nicht meinte, dass sich jeder nun schleunigst Pinsel kaufen sollte[2], so muss man doch sagen, dass es heute fast so ist. Kunst ist Kommunikation, sagt Habermas, eben nur eben mit anderen Mitteln. Künstler sind, in einem Zeitalter, in dem der Einzelne kaum mehr etwas erkennen kann, so etwas wie gesponserte Sozialkommunikatoren, durch Bild Performance und durch Chock, Kritik, Irritation und ambivalente Aktion – Habermas und Bazon Brock und nicht zuletzt auch Hermann Glaser haben diesen kommunikativen Kunstbegriff den bundesrepublikanischen Erfordernissen angepasst und ihn in der letzten Generation implantiert. Die Akademien sind, so kann man sagen heute, auf diesem Stand. Und die Künstler selber?
Ich würde sagen, sie schwanken – zwischen einem elitären Kunstplatonismus auf der einen Seite (der Künstler als Seher und Künder des Unzeitgemäßen) und dem anderen Pol, nämlich der Kunst als einer Form engagierten Sozialarbeitertums auf der Ebene „Sehgewohnheiten bewusst machen und aufbrechen“. Dazwischen wären sie vielleicht am Besten aufgehoben – aber wo ist dieses Dazwischen? Kennen wir nicht immer bloß Extreme?
Besichtigen wir die beiden Extreme noch einmal kurz: Der eine Künstlertypus verneigt sich vor der großen Tradition, ersehnt das Wahre, Gute und Schöne und verhält sich gegenüber den Mächtigen wie auch gegenüber dem Geld eher ironisch – er ist der lebenslange Unzeitgemäße, der in seinem Versteck womöglich jahrzehntelang nur vor sich hinarbeitet und auf Entdeckung hofft.
Der andere – nennen wir ihn ruhig Modell Ottmar Hörl – verneigt sich gewissermaßen vor seiner Zeit, bedient sich zeitgemäßer Produktionsweisen und der Sponsoren, während er sich der Tradition gegenüber ironisch verhält, bzw. dem vorgeblich wahren Guten und Schönen massenweise, sagen wir mal Dürers Plastikhasen entgegenstellt – signiert, versteht sich.
Der eine orientiert sich also mühevoll und oft vergeblich am Ideal und an der jahrelangen Arbeit – etwa Anselm Feuerbach an seiner Alexanderschlacht oder an seinem Gastmahl in der alten Nationalgalerie in Berlin. (Ich selber kenne einen Maler, der bereits seit Jahren an einem Bild malt und muss vermuten, dass er es vermutlich nicht fertig bringt.) Der andere malt am Ende gar nicht mehr selber, sondern in seinem Atelier, oder sagen wir lieber in seiner Fabrik arbeiten ständig dreißig Kräfte nach Vorgaben, die für den Ausstoß seines ständigen schnellen Abverkaufs sorgen. Auch ein Anselm übrigens, der Berliner „Maler“ Anselm Reyle.
Was aber wäre nun „dazwischen“? Ein „sowohl als auch“? Ein „weder noch“? Eine Mischung? Eine ganz neue, erst noch zu findenden Form der Kunst als Kommunikation? Oder ist die Kunst in unserer Gesellschaft bereits mehr als Kommunikation – herrscht vielleicht schon ganz allgemein eine Art allgemeines ästhetisches Korrespondieren – ein ständiges Ineinander von Kreativität auf allen möglichen Sektoren, von denen die bildende Kunst nur einer ist?
Der große amerikanische Kulturphilosoph Richard Sennet hat in seinem Buch „Die Kultur des neuen Kapitalismus“ (org. 2005, dt. 2007) die Frage gestellt, welche Art von Mensch denn eigentlich gefragt sei, wenn man alle Erfordernisse zusammenzählt, die von den Vertretern der New Economy für den von ihnen gewünschten flexiblen Arbeitnehmer genannt werden. Die New Economy ist jene Wirtschaftsepoche, die hierzulande gern als Turbokapitalismus bezeichnet wird, also die uns seit Reagan und Thatcher bekannten Maßnahmen der Ökonomisierung, Privatisierung von Staatsunternehmen und den Abbau von Verwaltungshierarchien, aber auch die Revolutionierung der Medien, des Nachrichten-, Personen- und Warenverkehrs. Richard Sennet fragt sich in seinem Buch, wie der „Idealmensch“ unseres Zeitalters aussehen müsste und kommt zu folgendem Ergebnis:
Er muss mit kurzfristigen Beziehungen und sich selbst zu Rande kommen, während er von einer Aufgabe zur anderen von einem Job zum anderen und von einem Ort zum anderen wandert. Er muss zweitens, wenn Institutionen ihm keinen langfristig stabilen Rahmen mehr bereit stellen, „seine Biographie improvisieren oder sogar ganz ohne ein konstantes Ichgefühl“ auskommen. (S. 9)
Er muss schließlich mit der kurzen Lebensdauer seiner Überzeugungen, Kenntnisse und Qualifikationen zurechtkommen. Wenn sich alle zehn Jahre die Wissensanforderungen in Naturwissenschaft und Technik und alle 15 Jahre die geisteswissenschaftlichen Anforderungen radikal ändern, dann geht es nicht mehr darum, eine Sache optimal zu beherrschen. Stattdessen ist die Fähigkeit gefragt, ständig mit neuen Menschen an neuen Zielen zu arbeiten. Und schließlich viertens: Er muss sich schnell von der Vergangenheit lösen, Gewohnheiten aufgeben und sich nicht über Verdienste oder schon vollbrachte Leistungen definieren, sondern ausschließlich über noch zu Vollbringendes.
Das so möchte man fast sagen, zeichnet doch heute den Künstler aus. Negativ also mag die Kritik an unserem Zeitalter tatsächlich lauten, die New Economy erzeuge den fragmentierten, heimatlosen Menschen, den heillosen Konsumenten (und die postmoderne Philosophie hat ja bekanntlich in verschiedenen Ansätzen gerade jene fragmentierte Persönlichkeit untersucht, die sich ohne Radiobeschallung und Zeitungslektüre einsam fühlt und nach dem Motto unterwegs ist: Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Tatsächlich brachte dieses Zeitalter der New Economy aber auch massenhaft einen ganz anderen Typus hervor, einen, der bemerkt, dass man sich nicht mehr von seinem Genius abbringen lassen darf, dass man ichstark werden und von Aufgabe zu Aufgabe wechseln können muss, und dass man sich nicht über schon gemachte künstlerische Arbeiten definiert, sondern über die noch möglichen und zu machenden. Ich bin mir nicht sicher, worauf diese Einschätzungen real hinauslaufen, aber vielleicht können wir hier eine Haltung ablesen, die sehr neu und noch gar nicht recht begriffen ist, sie lautet, der ästhetische Mensch ist der in der Krise der postindustriellen Gesellschaft wirklich überlebensfähige – der Künstler – und das wäre dann auch die Erklärung dafür, warum es den Künstler – zumindest dem Anspruch nach – heute so massenhaft gibt. Ich danke Ihnen fürs Zuhören.
Anmerkungen:
[1] Ihr Vorbild hat diese Haltung bei dem antikenbegeisterten Jean Jacques Rousseau bzw. dessen legendärem Aufruf, doch lieber Wald und Fels zu befragen, wenn es um die Bildung und wesentlichen Fragen des Menschseins gehe, statt der pervertierten Gesellschaft hochgezüchteter Kunstmoden. Kant folgt ihm übrigens, wenn er sagt, wie schön doch der bestirnte Himmel den Sinnen tue, wenn man des Abends nach der Besichtigung aus einem Kunstkabinette ins Freie trete.)
[2] Beuys hatte mit Kreide über seine Seminartür geschrieben „wer nicht denkt – fliegt!”
— Rede von Reinhard Knodt auf der Burg Plassenburg am So., 28. Juni 2009 auf Einladung des fränkischen Künstlerverbandes –



