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Nov 2015 13
Zil und Zoy  - Klang- und Videokunst als Wunder aus dem Bunker

Ein blinkender Bunker. Eine große Menge Synthesizer, darunter bunter Kabelsalat. Alte Computer-Röhrenmonitore an der Decke zeigen ein visuelles Konzert aus experimentellen Videos. Hier, circa zehn Meter unter dem Gewusel des Alltags, abgeschottet von jeglichem Lärm, gibt es kein Gefühl mehr für Zeit. Anstelle von Fenstern erweitern Spiegel den Raum und zeigen uns zwei auffällige Menschen. – Eine Reportage über Zil und Zoy von Lisa Neher, Lena Lucia Kühnlein und Felix Bühler
Die Klangwerkstatt von Zil und Zoy ist Lebensraum und Arbeitszimmer zugleich. Hier ist absolute Stille möglich. Absolute Stille und maximale Lautstärke. Am Tag wie in der Nacht.
Dem Zufall verfallen
Zil und Zoy sind ein Nürnberger Klang- und Videokunstkollektiv. Der Hang zum Experimentellen und bislang Unentdeckten verbindet sie nun schon seit 7 Jahren. Der Zufall hat sie zueinander geführt und spielt bis heute eine große Rolle in ihrer künstlerischen Arbeit.
Außergewöhnliche Dinge haben Zoy Winterstein schon immer angezogen. Vor zehn Jahren erschafft er sich dieses gleichermaßen unter- wie überirdische Soundlabor. Und sehr früh entdeckt er Jazz als seine Leidenschaft. Verankert in dieser Szene, veranstaltet und spielt er viele Konzerte. Dabei war er damals gerade mal 14 Jahre jung. Mit 18 kauft er sich seinen ersten Synthesizer und bringt sich selber Bassklarinette bei.
Seine Musik einzuordnen, ist nicht einfach. Es ist etwas Elektronisches, aber es gibt keinen klar erkennbaren Stil. „Es ist eher einen Personalstil“, erklärt Zoy, „… und er wechselt je nach Stimmung, also auch von Track zu Track. Denn Improvisation und Bastelei sind sehr wichtig bei meiner Musik.“
Was man lernen kann
„Im Studium kann man ein Instrument nicht wirklich fühlen lernen. Beim Jazz und bei Musik generell braucht man ein Gespür. Und das kann einem keiner beibringen. Jazz ist eine Lebensform. Das lernt man nicht, man muss es fühlen. Aber mein Studium war letzten Endes doch sehr versteift auf Grundlagen.“
Diese Einstellung teilt auch Silke Kuhar, alias Zil. Sie hat in Würzburg Kommunikationsdesign studiert. „Da lernt man nicht spontan und frei zu arbeiten. Das muss sich in eigenen Projekten entwickeln und entfalten“, betont sie. „Es kann kein Workflow entstehen, wenn man zu sehr, kreativ sein will. So setzt man sich selbst nur unter Druck.“ Auch sie hat sich schon immer für Musik interessiert – und für Tontechnik: Sie tauschte ihre Orgel irgendwann gegen ein Klavier und das wiederum gegen einen Synthesizer. Nach der Schule konzentriert sie sich voll und ganz auf Musik, Kunst und eigene Veranstaltungen. In dieser Zeit erschuf Zil sozusagen „Alles und Nichts“.
Inzwischen hat sie sich komplett der Videokunst gewidmet: Ihre Visuals und Zoys Klangkompositionen bereichern sich nun gegenseitig.
„Es passt, weil es nicht passt.“ (Zil)
Zil arbeitet nicht nur nach Konzept, sondern lässt sich auch gerne vom Zufall lenken, arbeitet komplett frei und ohne Grundsätze. Oft sogar ohne Musik, sonst, so meint sie, könne alles schnell mal konstruiert wirken.
„Es ist viel interessanter Video und Sound nicht aufeinander zu schneiden“, da sind sich die beiden einig. „Visuals und Sound werden meist nicht gleichzeitig gestartet. In einer Dauerschleife entstehen so jedes Mal neue bizarre Konstellationen und vor allem die Illusion eines geplanten Moments. Das heißt: “Es passt, weil es nicht passt.“
Das Geräusch von Cordon Bleu
Ihr erstes gemeinsames Projekt nannten die beiden „Reise von Alpha bis Delta“. Es betand aus vier raumfüllenden Soundcollagen für die Lange Nacht der Wissenschaft.
Das passt. Denn Zoy ist nicht nur Musiker, er sieht sich als Forscher: Er experimentiert mit verschiedensten Klängen und arbeitet seit 5 Jahren an einer eigenen Soundbibliothek. Dabei untersucht er zum Beispiel wie ein Cordon Bleu klingt, oder dirigiert ein hundertköpfiges Kaffeemaschinen-Orchester.  „Den langen Korridor unseres Bunkers gebrauche ich gerne mal als Klangkörper, er verleiht meinen Geräuschen Hall.“
Das Ungreifbare greifbar machen
“Man meint, alles schon einmal gehört zu haben. Jedes Geräusch ist mit einer Emotion verknüpft, aber es gibt definitiv neue Klangverschmelzungen, die paradox und noch nie da gewesen sind.” Darauf will Zoy aufmerksam machen, indem er sich voll und ganz auf das konzentriert, was man hören kann. Mithilfe von hochwertigen Aufnahmen lässt er Geräusche „hyperreal“ wirken. Dabei ist er überzeugt, dass Sounds eine Wirkung auf uns Menschen haben: “Sie sind auch anders nutzbar, können zerstören und heilen zugleich.“
Zu Zoys Klangkunst schafft Zil ein visuelles Gegenstück. Ihre Videocollagen bieten ein skurriles Schauspiel von Farbigkeit und Verfremdung. „Wir wollen etwas Überweltliches schaffen“, beschreibt sie, was die beiden vorhaben „Es gibt Dinge, die wir mit unserem Verstand nicht begreifen können. Und das ist der Grund, weshalb wir Kunst machen.“ Das Ungreifbare greifbar machen? – Das wichtigste Werkzeug dafür ist und bleibt der Zufall und das Ausprobieren. „Entweder man lässt sich voll drauf ein, oder man geht”, sagt Zil mit einem unterirdischen Lachen, das ihren blauen Lidschatten glitzern lässt.
Audiolyrische Verschmelzung
Nun hat Zoy auch die Hörspielproduktion für sich entdeckt. Die Texte schreibt er selbst und kooperiert mit zwei Schauspielern und Perfomancekünstlern, die sie für ihn einsprechen. „Mich reizt der Gedanke, Text und Ton miteinander zu verschmelzen”, sagt er. Seine Produktionen haben einen ganz eigenen Charakter. Er meint, deswegen, weil er nie großartig Hörspiele gehört habe und so ganz neu und unbefangen an die Sache herangehen könne.
„Das Nichts reinigt die Brille, es macht die klare Sicht!“, heißt es in einem seiner Werke für die Veranstaltungsreihe „Kein Thema 23“, die er jährlich zusammen mit Zil organisiert. Das Spektakel lässt sich am ehesten als multimedialer Mix beschreiben, der sich verschiedenster Genres bedient. Dabei laden Zil und Zoy internationale Musikergrößen ein, Avantgardisten und Experimentatoren, wie den amerikanischen New-Jazz-Künstler Elliott Sharp. Das nächste Event findet voraussichtlich am 21. November 2015 statt. Bis dahin wollen sich die beiden noch einen Wunsch erfüllen: „Alles ist Geist“‚ ihr eigenes Label, soll endlich in Angriff genommen werden.
Nürnberg als Hauptstadt der Musik- und Videokunst?
Nürnberg als Hauptstadt der Musik- und Videokunst? Nein. – Aber letzten Endes spielt das keine Rolle. Die beiden fühlen sich wohl hier, fern von jeglichem Hype. Eine größere Stadt kommt für sie nicht in Frage. Und seien wir mal ehrlich – Zil und Zoy schaffen Großes dort unten in ihrem Bunker, wo Blinklichter das Tageslicht ersetzen, und der Cityroller sie – den Korridor lang – zu einem anderen Ende trägt.
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Dieser Beitrag entstand im SS 2015 im Rahmen einer Kooperation der Zentrifuge (Magazin PILOT und Kreativblog ON-Index) mit der TH Nürnberg, Fachbereich Verbale Kommunikation, Prof. Max Ackermann.

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