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Sep 2013 19

Menschliches, Allzumenschliches“ in Halle 15 Auf AEG (EG)

von Harald Tesan

Bevor rührige Maler und Galeristen sich mit dem Label „Leipziger Schule“ schmückten, um mit leicht konsumierbaren Sujets auf Erfolg zu spekulieren, hätte wohl niemand im Traum daran gedacht, einem sentimentalen Genrerealismus jemals wieder museale Weihen angedeihen zu lassen.

Robert Lenkiewicz (1941-2002) ist ein problematischer Fall. Mit akademischer Verve malte der Brite nach dem Zweiten Weltkrieg im realistischen Stil und begeisterte sich im Nachkriegsengland für deutsche Kultur von Goethe bis Wagner. Das macht ihn aus heutiger Sicht eigentlich interessant, wäre ein Grund für die Wiederentdeckung eines fast Vergessenen. Zugleich erweist sich Lenkiewicz, der in kleineren Ölgemälden und Skizzen ein schonungsloser Illustrator menschlicher Abgründe war, als altväterlicher Moralist im Geiste des 19. Jahrhunderts. Sein Zugriff berührt deshalb peinlich, weil der Maler die Welt der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, also seine eigene Zeit, mit weltverbesserischer Absicht beschreibt.

So genannte Randfiguren der Gesellschaft wie Drogenabhängige oder psychisch Kranke verflachen unter dem schmalzigen Pinsel von Lenkiewicz zu überdimensionalen Hummelbildchen. Geschaffen, um unser aller Mitleid zu erwecken, müssen diese erbärmlich stilisierten Gestalten mit ihren treuherzigen Kulleraugen von ebenso zu groß geratenen Leinwänden herabblinzeln. Egal ob Prostituierte oder alter Penner, alle sind sie flat characters, durch den Künstler simpel festgelegte Vertreter ihres jeweiligen Standes. Nein, diese heroisch gemeinten Salongemälde, präsentiert in wuchtigen Museumsrahmen, sind bei näherer Betrachtung nicht wirklich originell, meist nur unfreiwillig komisch. Ist uns dieser Typus des Clochards nicht schon tausendfach von Straßenkünstlern feilgeboten worden, ob nun bei Sacré-Cœur oder auf der Piazza Navona? Dann schon lieber das Original: Hofzwerge bei Velázquez, abgerissene pausbackige Kinder bei Bartolomé Estéban Murillo, skurrile Spinner bei Spitzweg, verhärmte Liebespaare beim frühen Picasso oder sogar – wer kennt sie noch? – die ewig traurigen Clowns bei Bernard Buffet…

Ein großformatiges Historienbild wie „Plymouth seine Zukunft erbauend“ (1977), auf dem die Honoratioren der Stadt aufgereiht sind, gehört da noch zum Besseren, lässt sich vielleicht als Schulbuchillustration verwerten. Ansonst werden durch die Lenkiewicz-Retrospektive Auf AEG beide Dimensionen des Kitsches nach besten Regeln der Kunst bedient. Ja: bedient, nicht ausgelotet; die horizontale, matriarchalische Dimension durch das nur zu bekannte Kindchenschema und die vertikale, patriarchalische, weil sich der Betrachter insgeheim freuen darf, dass es ihm besser geht als den armen Underdogs auf den Bildern. Und selbstverständlich wusste Lenkiewicz seine mit erigiertem Zeigefinger vorgetragene Einfache-Leute-Pädagogik mit jenem Quäntchen Erotik zu würzen, für das sich der Bildungsbürger lange Zeit schämen musste und das er nun wiederbefeuchtet in aller Öffentlichkeit unter Seinesgleichen genießen darf. Ein kleiner subversiver Seitenhieb der Ausstellungsmacher? ̶ Mitnichten, denn der für das Konzept der Moderne so fruchtbare Austausch zwischen High & Low krepiert in einer Kunst, in der es nur allzu vordergründig menschelt. Und so fungieren auch protzige Neobarockrahmen in dieser Ausstellung nicht als ironischer Verfremdungseffekt, sollen sie affirmativ doch nur schwülstige Trivialität adeln.

Dass einem aus der Tüte schnüffelnden Vorzeige-Punk liebevoll alle möglichen Attribute des Fallsüchtigen beigeordnet werden, trägt nicht dazu bei, ihn authentischer wirken zu lassen. Wohlgemerkt: dem 2002 verstorbenen Robert Lenkiewicz selbst ist am wenigsten ein Vorwurf zu machen. Künstler dürfen, können, ja manchmal müssen sie naiver agieren als der Rest ihrer Zeitgenossen. Offensichtlich lebte der handwerklich überaus versierte Maler im guten Gewissen, mit seinen „Projekten [...] soziologische Untersuchungen der Lebensumstände von, in seinen Worten, »unsichtbaren Menschen«“ (Zitat: Infotext Lenkiewicz Foundation) zu betreiben. Nur sollte man ihn (und manch anderen ambitionierten Künstler) deswegen nicht genauso naiv beim Wort nehmen. Das tun aber gerade die erläuternden Texte in der Nürnberger Ausstellung, die uns allen Ernstes glauben machen wollen, es sähe in Obdachlosenunterkünften und Behindertenheimen tatsächlich so aus wie auf Lenkiewiczs im gemütlichen Stil der Salonmalerei des 19. Jahrhunderts inszenierten Gemälden.

Wenn die Lenkiewicz Foundation, unterstützt vor allem von der amerikanischen Sammlerin A. J. Acker, versucht, durch Ausstellungstourneen ihre Bestände aufzuwerten, ist dies legitim, ja es entspricht gängiger Praxis. Fatal und nachgerade absurd ist hingegen, dass sie damit zugleich ein „Bildungsprogramm“ verfolgt. Dass ausgerechnet der von Lenkiewicz geschätzte Friedrich Nietzsche mit seinem 1878 erschienenen Buch „Menschliches, Allzumenschliches“ als Namensgeber für den Ausstellungstitel herhalten muss, zeigt beispielhaft, wie unbeschlagen oder wie dreist im Kunstbetrieb mit Philosophen umgegangen wird, um sie in einem völlig widersinnigen Kontext der jeweils eigenen Sache dienstbar zu machen. Eine Klischees bestätigende Kunst wie die von Robert Lenkiewicz wäre sicherlich nicht im Sinne des „Umwerters aller Werte“ gewesen.

Auch wenn die Kritik selbst etwas altbacken klingen mag: ein von derartigen Ausstellungen ausgehender ästhetischer Dammbruch ist gefährlich. Indem der Kitsch, ein Phänomen des bürgerlichen Zeitalters, unreflektiert wieder fröhliche Urständ feiert, werden Jahrzehnte kultureller Aufklärungsarbeit im Handstreich zunichte gemacht. Über junge Akademieabsolventen, die ungeniert gleichziehen, braucht man sich dann nicht zu wundern. Offenkundig verfehlte die sentimentale Offensive ihre Wirkung beim breiten Publikum nicht. Sahen schon 2012 in Lenkiewicz’ Wahlheimat Plymouth mehr als 6.000 Menschen „Human, All Too Human“ innerhalb eines Monats, so konnten sich die Organisatoren des um zahlreiche Exponate aufgestockten Nürnberger Remake darüber freuen, dass Halle 15 beim OFFEN auf AEG-Wochenende die mit Abstand bestbesuchte Station war. Angesichts der 100 „Meisterwerke“ glänzten die Augen der Ausstellungsbesucher mindestens genauso wässrig wie die der gemalten Protagonisten.

Kurzum: diese Ausstellung hat augenscheinlich viele gerührt, aber leider kaum einen geschüttelt. Jenes Nürnberg, in dem vor nicht langer Zeit ein erbitterter Kampf um eine letztlich verhinderte Retrospektive Willi Sittes tobte, scheint kein Problem mit dem penetrant rührseligen Genrerealismus eines britischen Malers zu haben. Etwa, weil der fleißige Schöpfer dieses kuriosen Lebenswerkes von jüdischen Eltern abstammt, die 1939 aus Sachsen nach Großbritannien fliehen mussten? Oder, weil dieselbe Ausstellung bereits im Sommer so publikumswirksam in der Leipziger Spinnerei über die Bühne ging, auf jenem ehemaligen Industriegelände, das schließlich als gelungenes Vorbild für die angestrebte Nürnberger Gentrification Auf AEG dienen soll? Wie auch immer, mit der Hereinnahme einer kommerziellen Veranstaltung, die kein kleiner Ausrutscher am Rande ist, setzen die Organisatoren das Niveau von OFFEN Auf AEG insgesamt aufs Spiel.

Dabei gäbe es einiges Gelungenes zu vermelden: ebenfalls Auf AEG und auch noch bis zum 12. Oktober 2013 ist die überaus interessante Ausstellung des APT Institute „CAUTION: Things may appear different than they are“ zu sehen. In der von Susanne Prinz und Pamela Auchincloss, ELEVEN+ kuratierten Show geht es im Grunde auch um ein altes Thema: das Erhabene bzw. Sublime, das in Halle 20 jedoch auf erfrischende, ja (dem Thema entsprechend) verstörend neuartige Weise begegnet. Der Besucher wird hier nicht Gefahr laufen, für dumm verkauft zu werden. Das Prädikat unbedingt sehenswert erhalten beide Großausstellungen Auf AEG: die eine als positives, weil zeitgenössisches, die andere als negatives, weil heillos verstaubtes Beispiel einer Kunstdidaktik.

Harald Tesan ist promovierter Kunsthistoriker. Er lehrt an der Universität Passau und lebt als freier Kurator in Nürnberg.

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