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Mrz 2012 04

Michael Amman – Sounddesign oder „Pffffffffft“

Ein Interview von Nadine Zwingel

Wenn man in Michael Ammans Tonstudio kommt, betritt man auch gleichzeitig seine Wohnung. Der freischaffende Künstler, Komponist, Musiker, aber vor allem „Improvisator“ lebt für das, was er praktiziert – Klangforschung. Dabei scheint er sich in seiner eigenen Welt eingerichtet zu haben. Im Gespräch gewährte er mir auf eine ebenso eigensinnige wie sympathische Weise einen ersten Einblick in diese „Michaelwelt“. Nicht nur, dass wir gemeinsam Tee tranken und uns unterhielten, ich durfte ihm auch bei seiner Gymnastik zusehen und ein Telefonat mit seiner Mutti belauschen.

Michael, wie bist du zur Klangforschung gekommen? Hat dich jemand beeinflusst?

Also, mein Vater hatte damals ein Tonbandgerät und einige Musikaufnahmen, die ich mir stundenlang anhörte. Mit vierzehn begeisterten mich außerdem einige experimentelle Bandprojekte. Allerdings bin ich kein Freund von Reproduktion, was mittlerweile zur Folge hat, dass ich nur noch improvisiere und auch immer auf der Suche nach Leuten bin, die mitmachen.

Von dir als Sounddesigner habe ich zuerst über die Zentrifuge erfahren. Welches Verhältnis hast du zu ihr?

Den Koordinator dort, Michael Schels, kenne ich schon sehr lange. Die Plattform, die er und seine Kollegen bieten, finde ich super, denn sie bewerten einen nicht. Ich fühle mich in der Zentrifuge aufgehoben. Gelegentlich habe ich dort eine Aufführung und kann dabei viel experimentieren. Es werden mir keine Grenzen gesetzt.

Was ist dein aktuellstes Projekt?

Ach, da hab ich laufend verschiedene! Zum Beispiel arbeite ich seit eineinhalb Jahren auch tonal mit Musikern zusammen oder mit Literaten. Wobei hier wieder die Problematik entsteht, dass ich weniger improvisieren kann. Dann arbeite ich interdisziplinär mit einer Tänzerin oder habe Projekte mit Blinden. Zusätzlich bin ich regelmäßig beim Improformat „iiBOX Reaktor Radio“ im sogenannten Coworking Space in Nürnberg am Start.

Und welches Projekt würde dich besonders reizen?

Ein Projekt mit Taubstummen! Die nehmen Töne physisch wahr. Die arbeiten nicht nach „Belcanto“, also nach schönen Klängen, sondern nach Lauten!

Muss man Sound denn spüren? Wie stehst du zu Lautstärke?

Ich stehe auf physischen Klang. Mit Lautstärke setze ich mich nicht wirklich auseinander, sie passiert einfach. Oft sagen die Zuhörer zwar, ich sei zu laut, aber der Klang soll ja spürbar werden! Ich arbeite mit Dynamik und in meinen Improvisationen bieten sich Kontrastfälle von „sehr leise“ zu „sehr laut“, aber eben auch zwischen „schnell – langsam“ oder „hoch – tief“ an.

Und was für eine Rolle spielt der Raum während deiner Improvisation?

Raum ist eminent wichtig! Denn einerseits kann ich mich im Klangraum bewegen, andererseits bin ich im Zentrum. Die Hörer positionieren sich um mich herum. Dichte ist ein Stilmittel mit dem ich arbeite. Ich fülle sozusagen den Ort mit Klang und bestimme die akustische Bewegung und technisch auch den Ort der Quelle. Hierfür improvisiere ich gern mit vier Subwoofern. „Basswürste“ schieben sich durch den Raum und reflektieren. Sie sind nie exakt zu verorten. Man nennt das auch „Quadrosetting“.

Wie lange dauern die Stücke? Ist das spontan?

Jein! Einen gewissen Duktus von ca. drei bis sechs Minuten habe ich schon. Aber eigentlich spielt es keine Rolle, es entsteht aus der Situation heraus. Meine phonetischen Sounds sind Skizzen, und Skizzen haben keinen Rahmen.

Phonetisch heißt „die Stimme zu benutzen“?

Ja, aber es gibt verschiedene Herangehensweisen. An meinen Kompositionstagen zum Beispiel sitze ich im Bett – hauptsächlich, weil es dort am angenehmsten ist – und mache „Pffffffffffffffft“-Verläufe mit dem Mikrofon. Schnell, langsam, laut, leise. Dann wird schematisch geschnitten und überarbeitet. Meist setze ich auch Filter ein. Bei Improvisationen aber mache ich all das gleichzeitig und live.

Was ist dir wichtig bei einer Performance? Wie kann ich mich als Zuhörer am besten darauf einlassen?

Die Augen zu machen! Meistens verteile ich Schlafbrillen, so dass keine optischen Einflüsse stören. Zuschauen lenkt nämlich zu 70% vom Klang ab! Außerdem sollen die Leute es bequem haben und der Raum muss warm sein! Meine Mutter hat mal gesagt, ich habe mich nur ein bisschen bei der Improvisation bewegt, und sofort wurde der Klang illustrativ zu dem, wie ich mich bewege. Aber ich dachte immer, das ich mich bewege, um mich für den Klang zu öffnen. Die Zuhörer sollen sich ebenfalls darauf einlassen können.

Michael, möchtest du noch etwas sagen, was nicht unerwähnt bleiben soll?

(Überlegt) Ich würde mir in Nürnberg eine größere Improvisationsszene wünschen, in allen Bereichen! Es herrscht hohes Sicherheitsbedürfnis! Man traut sich nicht, sich ins Abstrakte zu begeben, und man will unbedingt verstanden werden. Ich aber nicht! Wenn ich mich vom „verstanden werden“ löse, dann bin ich eine reflektierende Fläche zu dem, was ich mache, und dann wird es interessant für mich.

Meinst du Selbstreflektion?

Eigentlich nein. Ich bin gar nicht so sehr auf der Suche nach mir selbst. Ich sitze hier, betrachte mich und es passt! Jahrelanges, leidenschaftliches „Tun“ ist meine treibende Kraft. Die Normalität empfinde ich als eher langweilig, daher schaffe ich eine andere Welt. Fantasie ist entscheidend, denn gegen Normalität und deren Umgebung hat man keine Chance.

Vielen Dank für das Interview!

Vorbemerkung: Dieses Interview entstand im Rahmen einer Kooperation zwischen der Georg Simon Ohm Hochschule und der Zentrifuge im Wintersemester 2011/12. Studenten des Fachs “Verbale Kommunikation” portraitierten und interviewten Menschen, die bei diversen Creative Mondays in der Zentrifuge als Presenter zu Gast waren. Dieses Projekt wurde von Prof. Max Ackermann angeregt und begleitet, der damit dem Creative Monday, der Zentrifuge und den mit ihr verbundenen Kreativen ein Gesicht geben wollte. Wir danken Herrn Professor Ackermann und seinen Studenten herzlich für die Unterstützung!

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