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Okt 2014 24

Auf dem tristen Parkplatz von „Auf AEG“ steht ein Imbisswagen – und leuchtet türkis. Gerade grundieren die beiden Initiatoren von HEIMAT, Sandra und Johannes, ihre Ess-Station. Schon strahlt die hölzerne Theke. Bald werden hier Brote verkauft.

Ein Gespräch von Marie-Lena Standhaft und Sarah Müller mit Sandra Engelhardt und Johannes Herzing

– Ich bin Sandra Engelhardt, selbstständig im Bereich Marketingberatung. Ich habe 8 Jahre lang in einer großen Agentur in Nürnberg gearbeitet und neben meinem Job habe ich HEIMAT konzipiert.
– Mein Name ist Johannes Herzing. Ich bin 31 Jahre alt und arbeite mittlerweile seit 11 Jahrena als Heilerziehungspfleger in Wohnheimen für Behinderte.

Was hat euch beide als Team zusammen geführt?

SE: Wir wurden uns auf einer Party vorgestellt. Ein gemeinsamer Freund meinte, ich solle unbedingt mal mit Johannes sprechen, weil er Erfahrung mit Behinderten hat und genau so was machen will wie ich. Eine Fügung des Schicksals!
JH: Genau so. In unserem Freundeskreis haben wir schon länger mal über Selbstständigkeit gesprochen. Denn irgendwann muss man mal was selber machen. Ich bin aber weiterhin noch im Wohnheim tätig.


Und was hat es auf sich mit HEIMAT?

SE: HEIMAT ist ein gastronomisches Inklusionskonzept … bei dem Brote verkauft werden, die ganz außergewöhnlich und individuell kombinierbar sind. Uns ist wichtig, in den Alltag der Menschen zu gehen. Der Unterschied zwischen Inklusion und Integration ist nämlich, dass man keine Gruppe irgendwo hineinsetzt, sondern es ganz natürlich ist, dass Begegnungen stattfinden.
Da haben wir als erstes an die Gastronomie gedacht, denn die nutzt ja irgendwie jeder. Und mobil sollte es sein, weil das finanziell leichter zu stemmen ist und wir so gleich an mehreren Orten an Menschen herantreten können, vor allem auf Festivals.

Foto/Copyright: Sarah Müller / meandsarah.net

Foto/Copyright: Sarah Müller / meandsarah.net

Aber warum macht ihr das?

SE: Meine große Motivation war, aus dem Agenturleben rauszugehen, und etwas zu schaffen, was wirklich Bestand hat. Zum anderen ging es mir auch darum, mich selbst zu beobachten – und meine Unsicherheit im Umgang mit Behinderten zu überwinden. Wenn es unserer Zielgruppe ähnlich geht wie mir, dann brauchen wir einfach mehr Begegnungen.

JH: Ich beobachte einen zu vorsichtigen Umgang mit Behinderten. Es braucht diesen Mitleidsfaktor nicht. Das sind Leute wie du und ich, die haben halt bloß dieses Handicap.

Wie finanziert sich die HEIMAT?

SE: Den Wagen habe ich privat gekauft. Den ganzen Ausbau, was wirklich teuer war, haben wir über eine Crowdfunding Kampagne finanziert. Da sind 7.500 Euro zusammengekommen. Das war der Wahnsinn! Dann kam noch die Sparkasse Nürnberg auf uns zu und hat uns mit einer großzügigen Spende von 3.000 Euro unterstützt. In Zukunft finanzieren wir uns hoffentlich über eigene Einnahmen. Wir selbst werden dieses Jahr auf jeden Fall kein Geld damit verdienen, sondern draufzahlen.

Foto/Copyright: Sarah Müller / meandsarah.net

Foto/Copyright: Sarah Müller / meandsarah.net

Brote soll es geben … Worauf legt ihr Wert bei der Auswahl eurer Produkte?

SE: Wir legen Wert auf regionale oder Bio-Produkte. Die Shirts sind Fair Trade, unser Zulieferer ist „Roy’s Naturkost“, Brot bekommen wir von „Hildes Backwut“ und wir haben die „Metzgerei Lindner“ in Pegnitz, die mit regionalen Bauern zusammen arbeitet und die uns jetzt – am Anfang – auch ein paar Schäuferle sponsert. Wir haben nämlich ein „Schäuferle-Topping“ …

Warum habt ihr für HEIMAT noch einen Verein, den „Prima e.V.“ gegründet?

SE: Wir haben gemerkt, dass wir als Privatpersonen nicht wirklich ernst genommen wurden, ohne Unterstützung durch einen Träger. Nun können wir auch Spendenquittungen ausstellen, was super ist. Durch die Gemeinnützigkeit haben wir auch andere Vorteile wie zum Beispiel bei Standgebühren. Wir haben insgesamt sieben Gründungsmitglieder, alles Leute, die sich ganz stark mit HEIMAT identifizieren und viele verschiedene Kompetenzen abdecken.

Johannes Herzing   Foto/Copyright: Sarah Müller / meandsarah.net

Johannes Herzing Foto/Copyright: Sarah Müller / meandsarah.net

Wie kann man euch, außer finanziell, noch unterstützen?

Beide (lachen): Beim Streichen …
JH: Durch Mitarbeit auf Festivals! Als Fahrdienst oder als Begleitung für die Leute in den Pausen. Einfach mit ihnen über ein Fest laufen, was trinken oder eine Band anschauen.

Wie wählt ihr eure Standorte?

SE: Wir gehen nur auf Festivals, wo Inklusion bisher keine zentrale Rolle spielt.
JH: Jedes Wochenende können wir das auch nicht, wir arbeiten ja beide noch nebenbei – und ab und zu braucht man auch mal Freizeit!

Johannes Herzing   Foto/Copyright: Sarah Müller / meandsarah.net

Johannes Herzing Foto/Copyright: Sarah Müller / meandsarah.net

Wie schaut ein Tag aus, wenn HEIMAT unterwegs ist?

SE: Wir werden größtenteils in der Gastro-Küche von „Wittenstein“ vorbereiten, am besten alle zusammen. Am Tag selbst wird der Wagen hingebracht, aufgebaut und dann gibt es ein kurzes Team-Meeting, damit die Leute sich wohlfühlen und nicht gestresst sind. Und dann haben wir hoffentlich viele zufriedene Gäste.

Und die Bezahlung?

SE: Wir zahlen einen für die Gastronomie ganz regulären Stundensatz von 8 Euro. Und Nicht-Behinderte arbeiten auf ehrenamtlicher Basis mit.

Und im Winter?

SE: Den Imbisswagen wird es dann nicht geben, vielleicht schaffen wir es, eine feste Gastronomie zu stemmen oder Catering anzubieten, aber sicher noch nicht in diesem Winter. Doch vorher kommt für uns erst einmal der Sommer der Erfahrungswerte.

Wo kommt der Anhänger her?

SE: Vom Bodensee. Der hat einer Metzgerei gehört und wurde nur zweimal im Jahr rausgeholt. Wir haben ihn im Internet gefunden, sind dann runter gefahren und haben ihn gleich gekauft.

Was war das für ein Gefühl?

SE: Voll geil! Wirklich so: Man, wir sind jetzt Imbisswagenbesitzer. Einfach so das Geld auf den Tisch zu legen und zu sagen, jetzt fährt man damit heim.
Das war ein wichtiger Schritt, denn dann wurde es endlich real. Wir haben zwei Jahre lang an dem Konzept gearbeitet, alles war auf dem Papier und mit dem Wagen weiß man: jetzt geht’s endlich los. Wir haben dann erst einmal zusammen ein Bier da drin getrunken. Und es war arschkalt.

Bekommt ihr die Unterstützung, die ihr euch gewünscht habt?

Einstimmig: Ja!
Aber es gibt auch Schwierigkeiten…

Und welche?

Beide: Das dürfen wir nicht sagen − es gibt welche!

Die HEIMAT in 5 Jahren …?

SE: Also ich fände es schön, wenn die HEIMAT ein festes Lokal bekommt. Vielleicht merken wir aber auch, dass wir überhaupt keinen Bock mehr haben. Dass die Idee total fantastisch war, aber es eigentlich nur Stress ist und es Keinem Spaß macht. Dann sagen wir: es war ein schöner Traum und wir haben es immerhin probiert. Bestenfalls ist es total super, die Mitarbeiter freuen sich, wir freuen uns und die Gäste sind zufrieden.
JH: Ja, das wird man jetzt sehen. Ich will da keine Prognosen in irgendeine Richtung stellen, einfach mal machen! Alles einfach auf uns zukommen lassen.

Dieses Interview entstand im SS 2014 im Rahmen einer Kooperation der Zentrifuge (Magazin PILOT und Kreativblog ON-Index) mit der TH Nürnberg, Fachbereich Verbale Kommunikation, Prof. Max Ackermann.

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