follow us at facebook follow us at facebook follow us at facebook
Mrz 2015 12
Burnout ist noch nicht in den Köpfen der Entscheider angelangt.

Ein Interview mit Markus Väth, einem Experten für Burnout und Arbeitspsychologie. Von Ayse Koc und Kübra Kizmaz

Markus Väth hat Psychologie und Informatik studiert und sich dann mit seiner Firma „Mensch & Chance“ selbstständig gemacht. Heute betreibt er Business Coaching, Teamentwicklung und Karriereberatung – und wer sich, so meint er, heute mit Arbeit und Wirtschaft beschäftigt, wird sich auch mit Burn Out befassen müssen.

Was sind eigentlich die häufigsten Ursachen für Burnout?

- Uns prägen vor allem gesellschaftliche Werte. Dazu gehören Erfolgsdenken, Selbstoptimierung und Angst. Angst ist dabei der wichtigste Faktor. Trendforscher gehen davon aus, dass es im Jahr 2025 nur circa 30 Prozent Langzeitangestellte geben wird, dafür aber 20 Prozent Selbstständige und 40 Prozent Projektarbeiter, die nach spätestens drei Jahren das Projekt wechseln oder das Unternehmen. Arbeitnehmer werden also in einer existentiellen Unsicherheit gehalten und so einer massiven Stressbelastung ausgesetzt.
Unsere westliche Arbeitskultur läuft dem menschlichen Geist zuwider, der Kontinuität und Konzentration braucht. Auch durch Multitasking kommunizieren wir uns zu Tode. Dabei ist es bewiesen, dass Multitasking nicht funktioniert.

Alle reden vom Burnout. Aber wovon sprechen wir, wenn wir davon erzählen? – Wie würden Sie Burnout definieren?

- Burnout ist zunächst einmal eine wahnsinnige geistige Anstrengung. Es ist eine emotionale wie perspektivlose Erschöpfung. Burnout ist ein zusammengesetztes Symptom aus psychologischen Momenten und soziologischen Bedingungen. Und vor allem ist es ein schleichender Prozess. Hier ein Vergleich zum Alkoholabhängigen: Die Menschen realisieren ihren Zustand nicht. Sie bemerken ihn erst, wenn es meistens schon zu spät ist.

Bezieht sich Burnout nur auf die außerhäusliche Arbeit? Oder kann auch eine Hausfrau oder ein Hausmann einen Burnout bekommen?

- Das ist eine schwierige Frage. Bei Burnout ist eine große Komponente die Sinnbestimmung der eigenen Existenz. Da wir in einer Leistungsgesellschaft leben und die Arbeit einen dermaßen großen Raum einnimmt, liegt die Sinnfindung eines Menschen automatisch in seinem Beruf. Daraus ergibt sich der Umkehrschluss: Die Arbeit muss der Auslöser für Burnout sein. Sollte ein Hausmann oder eine Hausfrau am „sinnlosen Leben leiden“, wie Viktor Frankl, der österreichische Neurologe und Psychiater, sagt, dann ist auch er oder sie Burnout-gefährdet, genauso wie jeder Lehrer oder Manager.

Empfinden das zum Beispiel auch Kinder? Also: Können auch Kinder an Burnout leiden?

- An Burnout im klassischen Sinne? Nein. An massive Stressreaktionen? Ja. – Allein aus dem Grund, dass ihre Persönlichkeit noch nicht ausgereift und ihr Lebenssinn noch nicht präsent ist, würde ich bei Kindern nie von Burnout sprechen, vielleicht von heftigen Stressreaktionen, von Druck oder Erziehungsfehlern, aber nicht von Burnout im herkömmlichen Sinn.

Hat jemand, der Burnout hat, auch zwangsläufig eine Depression?

- Je länger der Burnout-Prozess anhält, desto mehr steigt der depressive Anteil. Dennoch gibt es einen klaren Unterschied: Ein „Burnoutler“ gerät in eine Aufwärtsspirale, wenn er bemerkt, dass er an Burnout erkrankt ist. Er stürzt sich in Aktionismus. Ein Depressiver dagegen reagiert umgekehrt. Der versinkt in einer Abwärtsspirale. Aus diesem Grund sind Burnout und Depression nicht deckungsgleich.

Wenn ich an Burnout leiden würde … müsste ich dann nur meine innere Einstellung ändern und wäre schon geheilt?

Seine Einstellung zu ändern, würde die Situation bessern. Nietzsche nennt das “die Umwertung aller Werte“, wonach manche Menschen ihren kompletten Lebensstil ändern. Dennoch kehren meiner Meinung nach wenig Betroffene nach ihrer Therapie in ihr ursprüngliches Arbeitsumfeld zurück. Das zeigt mir, dass sich auch das Umfeld ändern muss und die eigene Denkhaltung alleine nicht ausreicht. Außerdem ist jeder, der in einen Burnout gerät, sein Leben lang rückfallgefährdet.
Wie reagieren Unternehmen auf von Burnout gefährdete Mitarbeiter?
Die Unternehmen sind zögerlich, da Burnout meistens ein Tabuthema ist. Nach dem Arbeitsschutzgesetz und der Unfallverhütungsvorschrift sind alle Arbeitgeber dazu verpflichtet, eine Gefährdungsbeurteilung auch auf psychische Faktoren hin durchzuführen. Tatsächlich aber wird das Gesundheitsmanagement nur von 30 bis 40 Prozent aller Betriebe umgesetzt. Aus diesem Grund fehlt einfach das Wissen. Und Einzelfälle führen leider nicht zum Lernerfolg einer kompletten Firma.

Welche Maßnahmen werden von Unternehmen getroffen, um psychischen Belastungen vorzubeugen?

Manche Unternehmen schalten ab einer bestimmten Uhrzeit kollektiv die Computer aus. Andere versuchen, sich beim Thema Erreichbarkeit auf etwas zu einigen: auf “Sonntags nie!” oder so. Solche Einzelmaßnahmen gibt es. Doch zuerst muss ein Bewusstsein für das Problem geschaffen werden. Wenn das vorhanden ist, dann kann ein Komplett-Paket geschnürt werden.
Das können sich allerdings nur größere Firmen leisten. Als konkretes Beispiel fällt mir die Schott AG ein. Denn die befasst sich mit Präventionsgesetzen und betrieblichem Gesundheitsmanagement. Sie haben auch hervorragende Best-Practice-Beispiele für Maßnahmen im Bereich der Personal- und Führungsarbeit.
Was halten Sie von der Anti-Stress-Verordnung von Andrea Nahles, der Bundesministerin für Arbeit und Soziales?
Finde ich absoluten Müll. Wir leben in einer Gesellschaft, die sich nach Sicherheit und Leitplanken sehnt. Wir haben zu wenige Frauen in der Führung; also her mit einer Frauenquote. Wir haben zu viel Stress, dann machen wir eine Anti-Stress-Verordnung.
Das ist Unsinn, vor allem weil Stress an sich nichts Negatives ist. Stress ist ein Überlebensmechanismus und auch ein wichtiger Treibstoff. Wenn dieser Stress aber in Überforderung umschlägt, erst dann ist er negativ. Zusätzlich erträgt jeder Belastungen unterschiedlich. Aus diesem Grund macht es wenig Sinn, eine allgemeine Verordnung etablieren zu wollen.

Kann die Politik überhaupt etwas tun?

Ich denke, man muss in der Wirtschaft ansetzen. Wenn man von Mitarbeitern Flexibilität verlangt, dann sollten Unternehmen auch selber flexibel sein. Darunter fällt auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Doch zuerst muss es den Unternehmen finanziell weh tun, damit sie verstehen, warum sie in Gesundheitsmanagement investieren müssen.

Wie, denken Sie, wird Burnout in der Zukunft aussehen?

Laut einer Studie der Boston Consulting Group werden in Deutschland bis zum Jahr 2020 ca. 2,4 Millionen Arbeitskräfte fehlen, und im Jahr 2030 könnten es bereits zwischen 8,4 und 10 Millionen sein. Spätestens dann werden Unternehmen in die Gesundheit investieren.
Uns Menschen fällt es schwer, aus einer Prognose heraus zu lernen. Nach einer Katastrophe ist jeder bereit, für die Umwelt aufzukommen, aber davor rührt selten jemand auch nur den Daumen. Ich denke, erst wenn die bestehende Arbeitskultur nicht mehr funktioniert, dann werden Unternehmen Geld in die Hand nehmen.

Vielen Dank für dieses Interview.

—–
Dieser Beitrag entstand im WS 2014/15 im Rahmen einer Kooperation der Zentrifuge (Magazin PILOT und Kreativblog ON-Index) mit der TH Nürnberg, Fachbereich Verbale Kommunikation, Prof. Max Ackermann.