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Apr 2017 09

Ein Aufruf von Michael Schels

Künstler und Kreative: Verschenkt eure Ideen und eure Kreativität nicht!

Die Stadt Nürnberg ruft im Rahmen des Bewerbungsverfahrens zur Kulturhauptstadt 2025 zur Partizipation auf. Das hört sich erstmal ganz gut an – wow, wir sind zur Partizipation aufgerufen! Wir dürfen mitmachen! Im Prinzip ist Partizipation ja etwas Positives, man kann sich an einem öffentlichen Prozess beteiligen, Stadt mitgestalten etc… Für „einfache“ Bürger, die ihr Brot anderweitig verdienen, mag das eine tolle Sache sein, doch für Kreative und Menschen, die vor kreativen Ideen nur so sprudeln und davon auch leben (wollen), ist das ein gefährliches Terrain: Bring deine Ideen ein und die Stadt macht damit, was sie will. Vorsicht ist also geboten – wenn Frau Prof. Lehner, die Kulturreferentin der Stadt Nürnberg, „ihr“ „Künstlerprekariat“ zur Partizipation aufruft, dann kann damit nur gemeint sein; Gebt uns eure Ideen, verschenkt uns euch wie gehabt und seid dankbar, wenn ihr dafür ein paar Almosen bekommt. Im Grunde brauchen wir euch eh nicht, denn eins ist jetzt schon klar: das große Geld bekommen etablierte Agenturen und Künstler, die wie üblich aus Renommeegründen von weither eingekauft werden. Hauptsache kein Risiko eingehen.

Die Bewerbung zur Kulturhauptstadt birgt eine große Chance für die hiesigen Künstler und Kreativen: Sich endlich einmal – und das möglichst nachhaltig – nicht mehr unter Wert verkaufen. Haltet eure Ideen zurück, bringt euch in diesen Prozess nicht ein – wartet so lange, bis die Stadt ein Budget freigibt, mit dem sie euch, eure Ideen und Projekte endlich angemessen bezahlt. Bei einem millionenschweren Etat sollten für die hiesige freie Künstler- und Kreativszene mindestens 500.000 EUR herausspringen – jährlich! Ich plädiere für einen Fördertopf für die freie Szene ab 2018 bis mindestens 2030. Dieser Fördertopf sollte Projektförderungen und Honorare für kreative/künstlerische Leistungen enthalten, die im Umfang von je mindestens 5.000 EUR bis hin zu 50.000 EUR ausgezahlt werden. Unkompliziert und ohne bürokratische Hürden. Einfache Projektskizze, Kalkulation und abschließende Dokumentation müssen genügen (der vom Wirtschaftsreferat Nürnberg schon einmal aufgesetzte, jedoch schon nach zwei Jahren wieder stornierte Fördertopf für die Nürnberger Kultur- und Kreativwirtschaft war hier vorbildlich, doch leider viel zu kurz und zu knapp bemessen).

Es wäre im Prinzip ganz einfach: Künstler und Kreative, die sich bereit erklären, beim Kulturhauptstadtprozess mitzuwirken, werden mit mindestes 80 EUR / Stunde netto vergütet (ähnlich honoriert wie Politiker und städtische Angestellte, die ja Kraft ihres Amtes immer schon bezahlt dabei sitzen). Wer also zu einem Meeting der Stadt geht, seine Zeit zur Verfügung stellt um mitzudenken und um seine/ihre Ideen einzubringen, stellt anschließend eine entsprechende Rechnung an das Kulturreferat, die dann prompt zu bezahlen ist. Wer nicht bezahlt wird, verweigert seine/ihre weitere Mitarbeit. So viel Courage muss sein!

Fordert eine angemessene Bezahlung gleich von Anfang an, sonst wird das mit der Kulturhauptstadtbewerbung ablaufen wie eh und je: Die Künstler und Kreativen vor Ort gehen leer aus und andere, die wissen, wie´s geht, pumpen sich die Taschen voll. Künstler und Kreative in Nürnberg: Verweigert euch diesem Prozess, bis die Stadt euch ein akzeptables Angebot macht. Wendet das Blatt – wenn nicht jetzt, wann dann?

Selbstredend betrifft dieser Aufruf ausschließlich die Künstler und Kreativen, die von ihrer Arbeit auch leben (wollen). Wer sich als kreativer, sozialer, gutwilliger und sonstwie engagierter Bürger in diesem Prozess einbringen will, kann das liebend gerne auch kostenlos und ehrenamtlich tun. Doch ich bin mir sicher: Ohne angemessen eingebundene – und das heißt auch würdig vergütete – Künstler und Kreative vor Ort wird Nürnberg den Titel Kulturhauptstadt zu Recht nicht verdienen. Die etablierten Kunstinstitutionen und städtischen Events allein machen das Kraut nicht fett. Aber mit angemessen eingebundenen und auch ehrlich bezahlten Künstlern und Kreativen vor Ort, d.h. mit einer starken Aufwertung der Freien Szene weit über 2025 hinaus kann Nürnberg eine ziemlich geile Stadt und für Europa vorbildliche Stadt werden, weil sie verstanden hat, wie man schöpferische Qualitäten fördert!

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