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Jul 2014 07

Text: Sebastian Hillebrand, Bastus Trump

Dieser Text entstand im Rahmen des Projekts “Forschende Kunst 2: Musik und Klang”. Die gesamte Dokumentation kann unter www.forschende-kunst.de eingesehen werden.

Kunst und Wissenschaft. Seit Jahrhunderten stehen sich diese Gegenpole mit ihren spezifischen Methoden und Perspektiven auf die Welt gegenüber, beäugen und analysieren sich. Bei näherer Betrachtung existiert jedoch eine genaue Abgrenzung genauso wenig wie “die Kunst” oder “die Wissenschaft” in ihrer singulären Form. Vielmehr scheint es eine Gewichtung verschiedener Wahrnehmungsmodi und Darstellungsformen zu geben, die dem Forschen einen stärkeren wissenschaftlichen oder künstlerischen Charakter verleihen.

Werden in den künstlerischen Dimensionen zumeist Erkennensgrößen über das unmittelbare Erfahren des Jetzt und potentieller Ereignisse ermöglicht (Ästhetik), beschreiben die wissenschaftlichen Dimension vermehrt das Erkennen durch reflexive und retrospektive Betrachtungsweisen (Vernunft). Die Schnittflächen und Transformationen in den Grenzbereichen der jeweiligen Wissensformen sind jedoch groß und bergen das Potential für ganzheitlichere Ansätze in Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft (Moral).

Vernunft

Kunst als Wissenschaft und Wissenschaft als Kunst. Die seit langem tradierte Bindung des ungleichen Paares wird in den letzten Jahren durch die institutionelle Auseinandersetzung im Rahmen von Bologna auf ein Neues diskutiert. Dabei steht vor allem die Frage im Vordergrund, wie Forschung im Allgemeinen und im Besonderen an Kunsthochschulen gestaltet, etabliert und von Forschungsfördertöpfen finanziert werden kann.

Gemäß der gesellschaftlichen Anforderung einer Wissensgesellschaft wurde hierfür vor allem die Frage des künstlerischen Wissens und Erkennens auf den Prüfstand gestellt und in zwei unterschiedlichen Diskursen wieder aufgegriffen: Während in den Geistes-, Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften schnellstmöglich künstlerisches Wissen diskutiert und (wenn auch etwas vorschnell) künstlerische Praktiken interpretiert und implementiert wurden, sind vor allem die Kunsthochschulen gegenüber dem bisherigen Forschungsmonopol der Universitäten in eine Art Legitimationszwang geraten und subsumieren unter dem Begriff der “künstlerischen Forschung” Bestrebungen zur Objektivierung und Bemessung von Kunst und künstlerischer Praxis zur Eingliederung in den Wissenschaftsduktus.

Beide Systeme eint hierbei die klischeehafte Implementierung des Anderen, um den Arbeitsweisen einer an kreativen Belangen ausgerichteten Gesellschaft gerecht zu werden. Bedient man sich jedoch weniger dem Anderen als dem Fremden, als vielmehr den gemeinsamen Denkhaltungen, so lässt sich mit dem “practical turn” und der Hinwendung zur Kultur in den Kultur- und Geisteswissenschaften ein Verbündeter für das Künstlerische und die künstlerische Forschung finden. In den Vordergrund strebt dann nicht mehr die Frage nach dem richtigen System, sondern vielmehr das Forschen als kulturelle Praxis schöpferischen Tuns.

Es darf durchaus gefragt werden, warum wir weiterhin die geschichtlich geprägte und in den Naturwissenschaften geteilte Objektivierbarkeit von Erkenntnissen als vermeintlich scharfe Trennlinie zwischen Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft ansehen. Forschende Kunst fängt genau bei dieser Frage an. Anstatt sich für einen Mangel an Wissenschaftlichkeit zu rechtfertigen, tritt die Kunst selbstbewusst innerhalb der Gesellschaft auf und zeigt, was sie leisten kann. Sie forscht im Jetzt und bezieht wissentlich und willentlich menschliche Intuition und Irrationalität – die, wenngleich zumeist ungewollt auch Teil jeder wissenschaftlichen Forschung sind – mit ein.

Ästhetik

Ästhetischen Denken und Handeln eröffnet Wege, die sich mit klassischen Mitteln wissenschaftlicher Forschung nicht realisieren lassen. Rein vernunftorientierte und zielfokussierte Herangehensweisen lassen das Ästhetische kaum in Erscheinung treten, weil diese unterdrückten Prozesse zunächst keinen Zweck abbilden, abwegig, sinnlos oder sogar kontraproduktiv wirken können.

Öffnet man sich jedoch der künstlerischen Wahrnehmung, setzt sich eine ungeahnte Kraft frei. Kunst stellt dann Fragen und liefert Antworten für Bereiche, welche in den Wissenschaften nur von spekulativen Zugängen der Geistes- und Kulturwissenschaften randlich berührt werden. Als gleichberechtigter Denkstil kann das Künstlerische ein Reflexionsmedium bieten, das im Sinne der ästhetischen Dimension gesellschaftliche, ökonomische und wissenschaftliche Prozesse gewinnbringend zu erweitern scheint.

Das Kunstwerk als Produkt mahnt, spiegelt und wirkt progressiv. Wenn künstlerisch forschender Geist die Welt durchdringt, wird die Bedeutung dieser Praxis deutlich und entsteht Wissen jenseits etablierter Methoden.

Forschende Kunst ist ein praktisches Beispiel interdisziplinärer Forschung, in welcher das Ästhetische als identitätsstiftendes und reflexives Medium grenzüberschreitend und intermedial aus unterschiedlichen Perspektiven Felder der Lebenswelt auslotet und im schöpferischen Prozess nachhaltige Formen von Gesellschaft durch künstlerische Mittel anregt.

Moral

Forschung hat nicht nur im Kontext der Wissenschaften ihre Berechtigung, sondern ist im übergreifenden Sinne ein praktischer Zugang auf unterschiedlichen Ebenen. Ein Zugang des Selbst zu sich, zu anderen und zur Umwelt. Künstlerische Forschung zeigt auf, dass Forschung dabei als menschliches Bestreben zu deuten ist, sich selbst und die Welt in ihren komplexen Zusammenhängen zu untersuchen, zu verstehen und darzustellen.

Das grundlegende Ziel entspricht der Erzeugung fortschreitender Erkenntnis als identitätsstiftendes Ereignis und verhandelt zwischen der gewohnten Eigen- und teilweise verloren geglaubten Fremdwahrnehmung. Entscheidend ist dabei die Offenheit für vielfältige Begegnungen, welche einerseits ein Weltverstehen ermöglichen und zum anderen ein Weltverstehen schaffen. Wer die gedachten Grenzen seiner Wirklichkeit durchbricht, wird hierbei nicht nur der Vielfalt menschlichen Tuns und Handelns bewusst, sondern auch der Wirkungsmacht seiner eigenen Denkhaltung. Dies birgt allerdings eine große Gefahr, wenn nämlich die Kunst nun nicht mehr nur ihre Produkte, sondern im dienstleisterischen Sinn auch ihre Methoden anbietet.

Bei allem Potential, das sich in einer engeren Kooperation von Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst entfalten könnte, bleibt es immer eine Gratwanderung, ab wann eine zu starke Normierung die notwendigen Bedingungen künstlerischer Exploration im Keim ersticken würde. Kreativität braucht Freiheit, Offenheit und Vertrauen, um ihre ästhetische Kraft zu entfalten.

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