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Okt 2018 06

Ein Kulturprojekt, das aus Wohnräumen Bühnen macht

Die Endhaltestelle der U-Bahn. Wir finden uns irgendwo im hintersten Eck von Langwasser. Aber sind wir hier richtig? Ein kleiner Aufkleber an der Eingangstür eines Reihenhauses zeigt uns die Antwort: “Ja.” – Eine Reportage von Paula Kanzler, Victoria Royak und Henrik Stelter.

Unser Blick in fremde Räume

Ein Kind steht im Hauseingang und knabbert an etwas. Wir betreten die erste Stufe einer Treppe – das Kind rennt einmal quer durch die Wohnung und auf die Terrasse. Wir fühlen uns etwas unwohl beim Betreten dieser Privaträume, lassen uns jedoch nichts anmerken und folgen dem Kind.

Im Garten stehen schon viele Leute, unterhalten sich angeregt, trinken, naschen. Ein paar Ältere sitzen auf Bierbänken. Dann wird es ruhig. Ein junger Mann schleudert ein Seil umher, an dessen Ende eine brennende Kugel befestigt ist. Dabei tropft Öl auf den Steinboden. Ob die Flecken später wieder rausgehen?

„Wollt ihr was trinken?”, fragt uns jemand von der Seite. “Die meisten Getränke stehen drin. Und im Kühlschrank ist Bier.“ Der Hausherr sieht uns irgendwie erwartungsvoll an – mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Was trinken? Aber gern. Auch wenn sich das Öffnen des fremden Kühlschranks etwas komisch anfühlt. Egal. Draußen nippen wir vorsichtig an dem, was wir ergattert haben. Und das Spektakel geht weiter: Mukunda Lights.

Wir befinden uns bei einer Veranstaltung von „Wohnzimmer zur Mitte“. Und das ist eine Kulturinitiative, ins Leben gerufen von Simona Leyzerovich. Ursprünglich war das einmal ihre Abschlussarbeit für einen Bachelor in Design.

Da liegt eine kleine, selbstgedruckte Infobroschüre, die ihre Idee zusammenfasst: „In Absprache mit Mietern und Nachbarn wird Privatraum öffentlich, zeitlich begrenzte Begegnungsstätte und Bühnenort. … Die Distanz zwischen dem Künstler und seinem Publikum wird minimalisiert. Die sie trennende Rolle des Veranstalters wird durch das Private aufgeweicht bis aufgelöst.“ – Simona Leyzerovichs Motivation war es also, die Salonkultur wiederzubeleben, die es einmal im 18. und 19. Jahrhundert gab. Aber diesmal nicht als exklusive Veranstaltung, nur für den Adel oder das reiche Bürgertum, sondern zugänglich für alle. – So weit ihr Konzept.

Aber wir wollen noch mehr wissen. Weshalb wir uns mit Simona verabredet haben, in ihrem Atelier im Nürnberger Stadtteil St. Johannis. – Alte Sessel, ein selbstgebauter Tisch, Illustrationen so weit das Auge reicht, auf Papier, an den Wänden, selbst an der Decke. Wir fragen, warum sie ausgerechnet Wohnzimmer als Treff und Veranstaltungsort nutzen will.

„Ich habe einmal gleichzeitig nach Wohn- und Atelierraum gesucht und dabei festgestellt: Auwei, das ist ja doch ziemlich teuer – und es gibt gar nicht so viel verfügbaren Raum. Da habe ich mir gedacht: Naja, das kann man ja auch irgendwie verbinden. Dabei ist es mein Ansatz gewesen, dass jeder Raum prinzipiell alles kann. Das heißt: Auch Wohnraum kann etwas leisten! Kulturell, gestalterisch, künstlerisch.“

So werden Wohnräume geöffnet

Und es sind nicht nur Konzerte, die in diesen Wohnungen stattfinden. Es gibt auch Lesungen, Improtheater, Zauberei oder – wie bei unserem ersten Wohnzimmerbesuch – sogar eine Feuershow mit Tanzeinlagen. Diesmal – und aus naheliegenden Gründen – nicht in einem Wohnzimmer, sondern in einem idyllischen Garten. Den man hier, im Stadtteil Langwasser, kaum vermutet hätte.

Zu unserer Frage, warum sich bis jetzt alle Veranstaltungen auf ein Stadtviertel, das etwas abgelegene Langwasser beschränkt haben, meint Simona: „Ich mach das ja nicht alleine. Ich habe jemanden gebraucht, der mich unterstützt. Andreas Baum ist Diakon in Langwasser und war da, um mich beim Pilotprojekt zu betreuen. Für ihn war Langwasser super, weil er sich dort gut auskennt. Er weiß, wie es dort läuft, weil er selbst dort lebt. Ich war damals, schon seit Jahren nicht mehr in Langwasser gewesen. Das war eine Herausforderung, aber wir haben gesagt: Wenn’s in dort klappt, dann klappt’s überall. Und gerade klappt es ganz gut.“

Unser zweites Wohnzimmer zur Mitte – schon wie daheim

Einen Monat später: Diesmal bei einem Konzert eines finnischen Musikers. Noch einmal in einem Garten. Wir fühlen uns wie bei einer Familienfeier. Es ist sommerlich warm. Ein kleines Buffet gibt es auch. Schnell huschen wir noch in die Küche, um uns von der Hausherrin Sekt einschenken zu lassen. Dann setzen wir uns auf eine Hollywoodschaukel – ein schwingender Thron unter einem Pfirsichbaum. Eine leise Brise weht, die Blätter rascheln. Dann beginnt Martti Mäkkelä zu singen.

Später unterhalten wir uns mit den Gästen. Sie sind alle Bekannte. Aber obwohl wir die anderen Gäste nicht kennen, werden wir nicht wie Fremde behandelt. In der Nachbarschaft hat sich das “Wohnzimmer zur Mitte” bereits herumgesprochen. Es gibt keine Bedenken, im Gegenteil.

Und auch Simona bestätigt uns das: „Es ist noch nie etwas Blödes passiert. Das ist so krass. Die Gäste sind unglaublich höflich und dankbar für das, was sie da erleben dürfen. Und die Gastgeber sind megacool“. Genau diesen Eindruck haben wir auch.

Wie bei fast allen innovativen Projekten stellt sich selbstverständlich die Frage, nach der Finanzierung. Denn, wovon werden die Getränke bezahlt oder noch viel wichtiger: die Künstler.

Die ersten zwölf Veranstaltungen werden noch von der Stiftung Stadtblick unterstützt. Aber wie soll es danach weiter gehen? „In der Zukunft ist es so, dass die Künstler im Vordergrund stehen, was die Bezahlung angeht. Sie sollen, nur weil sie in einem Wohnzimmer spielen, vortragen oder vorführen, nicht schlechter bezahlt werden. Andererseits möchte ich, dass Leute, die ganz wenig Geld haben oder gerade für Kultur kein Geld übrig haben, trotzdem kommen können. Da gibt es unterschiedliche Ansätze – gerade wie man das weiter finanziert. Natürlich bin ich auf Unterstützung angewiesen, also auf weitere Stiftungs- oder Sponsorengelder. Es gibt auch die Idee, dass man eine Veranstaltung in einem ,reichen‘ Wohnzimmer macht. Dort zahlen die Leute dann etwas mehr, weil sie das Geld haben, und damit könnten zwei Veranstaltungen in weniger vermögenden Wohnzimmern finanziert werden. Ich hoffe jedenfalls, wir finden eine Lösung.“

Und als Vision

Dann wollen wir wissen, welches Potenzial das “Wohnzimmer zur Mitte” noch hat. „Auf jeden Fall: großes Potenzial! Ich würde es natürlich gerne auf die ganze Stadt ausweiten. Da es ja nicht mehr an Langwasser gebunden ist, geht jetzt viel. Ich habe schon Anfragen aus ganz unterschiedlichen Vierteln, quer über das ganze Stadtgebiet. Da wollen viele Leute ihre Wohnzimmer öffnen. In den nächsten Jahren 500 Wohnzimmer zu beispielen – das ist die Vision. Mal sehen.“

Und: „Ich wünsche mir für die Zukunft, dass es der Normalzustand sein wird, das eigene Wohnzimmer auch mal als öffentlichen Raum und kulturellen Veranstaltungsort zu nutzen. So eine Art eigene Bewegung. Etwas, dass die Leute selbst organisieren und dann die Verantwortung spüren. Es heißt, in Nürnberg sei nichts los. Come on, dann macht doch selber was!”

Oder als utopische Vorstellung … Fragt der eine: “Hey, bei mir im Wohnzimmer ist heute ‘n Konzert! Hast du Bock vorbeizukommen?‘ Darauf der Andere: ‘Nee sorry, bei mir ist heut’ Theater.‘“

Wohnzimmer Zur Mitte – http://www.wohnzimmerzurmitte.de/

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Dieser Beitrag zum Schwerpunkt Motivation entstand im Sommersemester 2018 im Rahmen einer Kooperation der Zentrifuge mit der Technischen Hochschule OHM Nürnberg, Fachbereich Verbale Kommunikation, Prof. Max Ackermann.

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